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- Veröffentlicht am Dienstag, 03. Januar 2023 08:18

v. l. Kaiser Karl V., Georg F. Kolb. - Bilder: s. u.
Größte Judenverfolgung im Mittelalter / Karl V. & G. F. Kolb
Jahrestage 2023 / Aus der Speyerer Chronik (Teil 3)
Vor 875 Jahren
1148 werden die Gilgen-Vorstadt und die Vorstadt Altspeyer genannt. Das Zentrum der Gilgenvorstadt ist seit 1904 die Gedächtniskirche der Protestation und die Kirche St. Joseph, an deren Stelle einst eine Ägidienkirche stand, die im 12. Jahrhundert gestiftet wurde. Gilgen ist: Ägid, Ilg, Jilg, Gilg. Altspeyer/Altspeier war ein Dorf im Bereich zwischen Bahnhofstraße, Hirschgraben, Martinskirchweg, "Rauschendes Wasser".
Vor 775 Jahren
1248: Der Herzog von Lothringen verbietet den Kaufleuten von Speyer und Worms die Wege durch seinen Machtbereich, da sie politisch zu Kaiser Friedrich II. stehen.
Vor 675 Jahren
1348: Ausbruch der Pest, Beginn der bisher größten Judenverfolgung in Europa. Die Juden werden für die verheerende Seuche verantwortlich gemacht. Die Juden haben die Brunnen vergiftet, hieß es landauf, landab. Von Marseille rollte schließlich die größte bis dato dagewesene Judenverfolgung vom Süden Frankreichs nach Norden an der Rhone entlang, durch benachbarte Regionen, auch bis ins Italienische, auf einer Rheininsel bei Basel werden fast 2.000 Juden verbrannt, am Rhein bis in den Raum Köln ging das Morden weiter.
Nur wenige Speyerer Juden konnten fliehen. In ihrer Verzweiflung haben Väter und Mütter ihre Kinder getötet, Männer ihre Frauen, dann haben die Männer, beziehungsweise Väter in ihren Wohnungen Feuer gelegt und sich selbst umgebracht. Diese Selbsttötung ist eine alte jüdische Tradition um nicht – von den Feinden gezwungen – ihrem Gott abschwören zu müssen.
Leichen der ermordeten Juden, der Juden, die sich in ihren Wohnungen selbst getötet haben, Leichen der Juden, die in den Gassen umher lagen, ließ der Rat der Stadt Speyer in Weinfässern verschließen und übergab die Fässer dem Rhein. Die Pest hat, so die Wissenschaft, etwa ein Drittel der Bevölkerung in Frankreich, im westlichen Norditalien, in der Schweiz, am Rhein und anderen Flüssen in Deutschland dahingerafft, in manchen Städten wurden die jüdischen Gemeinden – fast – ausgerottet.
Vor 475 Jahren
1548: Kaiser Karl V. hält sich im September in Speyer auf, der Kaiser ist ein entschiedener Gegner Martin Luthers und dessen Lehre. Das Verhältnis der Stadt zu Karl war schwierig, hatte der Rat anno 1540 die Reformation eingeführt. Das Reichskammergericht, Sitz in Speyer, die höchste richterliche Instanz im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wurde im katholischen und damit im kaiserlichen Sinn verändert.
Der reformatorische Pfarrer Michael Diller und der erster Lehrer an der protestantischen Lateinschule – 1540 vom Rat errichtet, daher Ratsschule genannt –, der lutherische Prediger Magister Johannes Myläus (Müller) aus Niederolm, haben die Stadt vorsichtshalber verlassen, es heißt in den Quellen auch, sie seien vertrieben worden.
Als der Kaiser weitergezogen war, kehrten Diller und Myläus zurück. In Erinnerung an den ersten protestantischen Speyerer Pfarrer gibt es die Michael-Diller-Straße. Aus der Ratsschule ist das Gymnasium am Kaiserdom hervorgegangen.
Vor 175 Jahren
1848: Am 18. Mai wurde in der Paulskirche zu Frankfurt am Main die erste Deutsche Nationalversammlung eröffnet. Zu den elf Abgeordneten aus der Pfalz gehörten die beiden Speyerer Georg Friedrich Kolb (Verleger, Landtagsabgeordneter, politisch liberal gesinnt) und Martin Reichard (Rechtsanwalt, Notar und politisch ein Vertreter der äußersten Linken).
Georg F. Kolb, * 1808 in Speyer, + 1884 in München, war Verleger und Herausgeber der „Speyerer Zeitung“, Landtagsabgeordneter und Mitglied der Nationalversammlung 1848, er war 1848 und 1849 Bürgermeister der Stadt Speyer, er floh wegen der politischen Lage in der bayerischen Pfalz anno 1853 in die Schweiz.
Seit 1859 war Kolb Redakteur der „Frankfurter Zeitung“, 1863 kehrte er in den bayerischen Landtag zurück. Nach ihm ist das Georg-Friedrich-Kolb-Schulzentrum – Integrierte Gesamtschule – in Speyer benannt.
Vor 75 Jahren
1948: Große Hilfsaktion, vielleicht die größte für Speyer nach dem Zweiten Weltkrieg. Die schlechte Versorgungslage wäre zur Katastrophe geworden. Zu denen, die der Stadt geholfen haben, gehörte der Spey‘rer Heinrich Ober, der im Dritten Reich in die USA emigrierte um vor dem Nazi-Regime sicher zu sein. Als Ober, der in Ridgewood, im Bundesstaat New Jersey, wohnte, in der Zeitung von der großen Not las, startete er einen Hilferuf und bat um Spenden bei den Speyerern, die in den USA lebten, für ihre – ehemalige – Heimatstadt.
Und damit löste er in den USA eine der größten Hilfsaktionen aus, die sogar von Amerikanern aus dem ganzen Land unterstützt wurde. Zu den Hilfsgütern gehörte auch medizinisches Material. Frachtkosten wurden mit Spenden des Unitarian Service Commitee übernommen.
Im Jahr 1948 wird die GEWO – Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft – gegründet. Das 75-jährige Bestehen wird wohl in 2023 gebührend gefeiert. - Bernhard Bumb
Bilder: Karl V., Alte Pinakothek München; Georg F. Kolb aus Wikipedia/in Fritz Klotz/Thomas Rölle - Speyer Kleine Stadtgeschichte.
