Aktuell

Merkwürdige Weihnacht in Speyer

Nach dem großen Krieg, in dem Speyer am Pfingstfest anno 1689 niedergebrannt wurde, blieben in der Stadt außer den Nonnen von St. Klara, den Karmelitern und Kapuzinern nur zwölf Bürger mit ihren Familien und einige Hintersassen.

   Sie hausten in den Ruinen, zwischen den Trümmern und Spuren, die der Krieg hinterlassen hat. Wer nicht rechtzeitig in andere Herrschaften fliehen konnte, geriet in Gefangenschaft oder fand in den Kriegswirren den Tod.

   Nachts schliefen die Hiergebliebenen in den Mauern der Domkirche, deren Langhaus zur Hälfte zwar eingestürzt war, in der Krypta aber einen einigermaßen sicheren Unterschlupf geboten hat. In der gottverlassenen Geisterstadt gab es keinen besseren Schutz als den in der Bischofskirche.

   In der Krypta hatten die Speyrer ihre Lagerstätten und Feuerstellen eingerichtet. Tagsüber durchsuchten sie die Keller der zerstörten Häuser nach brauchbaren Gegenständen und eingelagerten Nahrungsmitteln. Alles, was sie verwerten konnten, schleppten sie in die Krypta hinab.

   Am Weihnachtsabend hockten sie wieder um die Feuer in der Unterkirche des Domes beisammen. Johannes Bilger erzählte in der heiligen Nacht den Kindern von der Geburt Jesu, vom Stall in Bethlehem, von Maria und Josef, den Engeln, den Hirten und den Königen aus dem Morgenland.

   Plötzlich stand eine Frau auf der Treppe, die zur Krypta hinabführte. Sie sah die Leute freundlich an und bat sie hinaufzukommen. „Fremde Frau“, sagte der alte Ebelin, „was willst du von uns, was sollen wir oben in der Kälte, hier unten sind wir sicher und woher kommst du, wer bist du?“

   „Kommt alle mit, ihr werdet sehen und ihr braucht euch nicht zu fürchten“, antwortete die Frau. Zögernd folgten die Speyrer der Frau nach oben. Unter freiem Himmel, dort, wo das Langhaus zusammengebrochen war, erschienen aus dem Westbau vornehm gekleidete junge Männer, die Tische und Stühle im Kreis aufstellten. Dann trugen sie vorzügliche Speisen auf und gossen besten Wein in die Becher.

   Es gab Blauen Gänsfüßer, Malvasier, würzigen Mischsalat, Gänsekeule, Rotkraut, Knödel in leichter brauner Soße mit Esskastanien und als Nachspeise einen köstlichen Obstsalat und eine Platte mit verschiedenen Käsen. Als die Männer wieder verschwunden waren, lud die seltsame Frau die Leute aus der Krypta zum Festmahl ein.

   Da lichtete sich der Himmel über der Domkirche, mitten in der Nacht schien die Sonne, der Schnee schmolz hinweg, die Wiesenblumen, Sträucher und Bäume begannen zu blühen und lockten die Bienen an. Auf den Bäumen zwitscherten die Vögel, quer durch den Dom huschten Eichhörnchen, Rehe aus dem Auwald grasten rund um den Dom.

   Den Speyrern schmeckte es und obwohl sie sich über das zauberhafte Festmahl in der heiligen Nacht freuten, blieben sie ob dem schier unglaublichen Geschehen misstrauisch.

   Kaum hatten sie die Teller und Schüsseln leer gegessen und die letzten Tropfen Wein gebechert, verstummten die Vögel, die Blätter färbten sich bunt, verdorrten und fielen von den Bäumen, die Blumen auf den Wiesen verwelkten, die Bienen hörte man weder summen noch brummen, die Sonne ging unter, die kalte Nacht kehrte in den Dom zurück und plötzlich bedeckte wieder Schnee den Bezirk der alten Kathedrale.

   Da sahen die Speyrer die merkwürdige Frau auf einem Esel sitzen, den ein Mann aus dem Dom hinausführte. „Haltet an, gute Frau!“, rief Andreas Hirschberger, „wie sollen wir euch danken? Wir sind arm, unsere Stadt ist zerstört, außer einem Vergelt‘s Gott können wir euch nichts geben!“

   Der Mann hielt den Esel an und die Frau sagte: „Nicht wir haben euch zum Festmahl geladen, sondern unser Sohn, der sich den Armen und Entrechteten, den Kranken und Schwachen annimmt. Nun macht's gut und ihr werdet sehen, bald wird es euch besser gehen, lebt wohl!“. Noch lange schauten die Speyrer der Frau, dem Esel und dem Mann nach, bis diese die Geisterstadt durchs Altpörtel verlassen hatten.

 

Hans-Günter Glaser © Vroni Glaser/Bernhard Bumb Verlag

 

   Als sie wieder in die Krypta hinabsteigen wollten, duftete der ganze Dom nach Weihrauch, standen auf den Tischen, um die sie sich zum festlichen Weihnachtsmahl versammelt hatten, Kannen mit Öl aus Myrrhe, und die Teller, von denen sie gegessen und die Becher, aus denen sie getrunken hatten, verwandelten sich in pures Gold.

   Autor: unbekannt; Geschichten aus dem alten Speyer, 2007, Bernhard Bumb Verlag

Zusätzliche Informationen