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- Veröffentlicht am Montag, 18. Mai 2026 20:14
v. l. Meinrad M. Grewenig, Simone Heimann, Cornelia Ewigleben, Alexander Schubert, Eckart Köhne. - Bilder © Bernhard Bumb
Sicherheitsstiefel, Weinkrone und eine Grünpflanze
Historisches Museum der Pfalz: Simone Heimann folgt auf Alexander Schubert
Die Rede von Simone Heimann anlässlich ihrer Ernennung zur Direktorin des Museums bei der Amtsübergabe am 13. Mai 2026
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Historischen Museums der Pfalz, liebe Kolleginnen und Kollegen – Ihnen und Euch nun auch meinerseits ein herzliches Willkommen!
Auch am 13. Tag als neue Direktorin dieses wunderbaren Hauses habe ich noch nicht das richtige Wort gefunden für das Gefühl, das in mir seither ganz viel Raum einnimmt. Es ist eine Mischung aus unbändiger Freude, Staunen, einer großen Portion Respekt, einem warmen Gefühl der Dankbarkeit kombiniert mit einem „alla hopp, weiterarbeiten“. Mit Freude, Staunen und Respekt lassen Sie mich beginnen, mit Dank meine Antrittsrede beschließen und weitergearbeitet wird dann am Montag.
Thomas Metz begüßte die erlauchte Gesellschaft.
Nicht nur das Setting hier vorne mag bei Ihnen Fragen aufwerfen, vielleicht war das auch schon bei der Musikauswahl eben der Fall. Wer mich kennt aber weiß, die Simone hat meistens einen Plan, mindestens aber mal eine Idee.
Und diese Idee basiert auf unseren bis dato drei Spotify-Playlists, die zu den vergangenen Ausstellungen entstanden sind und der wir nun eine vierte Playlist hinzugefügt haben. Sie heißt „Vom selben Stern“ und die Liedauswahl verdanke ich meinen großartigen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Wünsche für die Zukunft des Historischen Museums der Pfalz und für
mich ganz persönlich in Musik ausgedrückt haben – und nur wir alleine wissen, wie besonders es ist, dass ihr heute Abend hier seid!
Hans-Ulrich Ihlenfeld lobte Museum, Bezirkstag und das Land Rheinland-Pfalz.
Ursprünglich hatte ich aus allen Titeln zitieren wollen, habe mich aber dann doch auf drei Liedzitate beschränken müssen – vielleicht hören Sie sie ja heraus. Und wenn Sie neugierig geworden sind, so hören Sie gerne später mal rein, Sie finden den QR-Code, der Sie direkt zur Playlist führt, auf Ihrem Programmheft. Und glücklicherweise trifft es sich, dass ich mit Herrn Metz den Musikgeschmack teile und mit den Kollegen den Humor.
Heute früh las ich dann noch von der Playlist des neuen und zukünftig auch für uns zuständigen Ministers Sven Teuber – das matcht schon mal, würde ich sagen, „Unstoppable“ zu sein gehört zu seinem wie auch zu unserem Wunsch.
Seit rund 30 Minuten betrachten Sie mehr oder weniger intensiv ein ungewöhnliches Objektensemble. I did it my way, denn nur mein Mann wusste im Vorfeld davon. Geben Sie mir 15 Minuten um aufzulösen, was es mit meinen Sicherheitsstiefeln, der Weinkrone von Fräulein Elisabeth Ferkel aus dem Jahr 1910 und einer Grünpflanze auf sich hat.
Alexander Schubert ließ Schlaglichter der Museumsgeschichte und allgemeinder Geschichte Revue passieren.
Beginnen wir mit den Sicherheitsstiefeln, sie stehen für große Fußspuren und nicht minder große Projekte.
Meine Amtsvorgänger haben allesamt ihre eigenen Fußspuren hinterlassen – und es vergeht fast kein Tag, an dem ich diesen Fußspuren nicht auf die eine oder andere Weise begegne. Erst am vergangenen Samstag hatte ich wieder einen solchen Fußspuren-Moment und ich kann gar nicht anders, als Ihnen davon zu erzählen.
Diejenigen, die wie wir noch nicht die E-Akte eingeführt haben, kennen sie sicherlich noch, die Umlaufmappe. Bei uns sind ungezählte solcher Mappen im Umlauf, sie finden sich in jedem Büro irgendwo.
Für meinen Bericht, den ich am vergangenen Samstag bei der Mitgliederversammlung des Historischen Vereins der Pfalz in Bad Dürkheim vorzutragen hatte, habe ich wahllos eine solche Umlaufmappe gegriffen und mein Skript darin mitgenommen.
Erst nach meinem Redebeitrag las ich, was mit feinem Bleistift und in einer mir gänzlich unbekannten Handschrift am Rand der Mappe vermerkt war. Dort steht: „Rücksprache Dr. Grewenig“.
Simone Heimann über Playlists, Geldbaum, Sicherheitsschuhe, Weinkrone und...
Rücksprache zu halten schien mir jetzt nicht geboten, die Tatsache aber, dass diese Mappe seit rund 30 Jahre im Einsatz ist, ist so bezeichnend für die Kontinuitäten in diesem Museum, das unerschütterlich jedem Wechsel in der Direktion Stand hält, dass ich mein Skript heute wieder in dieser Mappe mitgebracht habe.
Mit Schuhgröße 41 fürchte ich große Fußabdrücke nicht, gleichwohl ich respektiere sie und ich bin voller Vorfreude darauf, nun meine eigenen Fußspuren zu hinterlassen. Noch gehören Sicherheitsschuhe nicht zu unserer alltäglichen Arbeitsausrüstung – aber, und jetzt gucke ich mich mal suchend nach unserem Architekten Christian Himbert um – ich
vermute, dass der Zeitpunkt kommen wird. Wenn es soweit ist, so bin ich vorbereitet und bis dahin hoffe ich, dass ich diese Schuhe nur bei gemeinsamen Übungen mit der Speyerer Feuerwehr im Rahmen des Notfallverbunds zum Kulturgutschutz werde anziehen müssen. Mit Herrn Himbert als unserem Architekten vom Büro Wandel Lorch Götze Wach gehen wir
gemeinsam mit Stiftungsvorstand und Stiftungsrat unter dem jeweiligen Vorsitz von Herrn Metz und Herrn Ihlenfeld in großen Schritten in Richtung Bauantrag für die Sanierung des Erweiterungsbaus.
So weit wie jetzt waren wir noch nie – und so optimistisch wie jetzt auch noch nie. Es ist dies zweifelsohne das größte Projekt, das ich, das wir, aktuell auf meiner Agenda haben.
Die Ziele sind klar, das Tempo ist es auch – lieber Herr Metz und lieber Herr Ihlenefeld, ich freue mich wirklich sehr auf und über die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen, nicht nur bei diesem Großprojekt.
Das einzigartige Erfolgsrezept des Historischen Museums der Pfalz ist es, alle historischen Epochen und Themen mit der gleichen Begeisterung, der gleichen Wissenschaftlichkeit, aber auch der gleichen Besucherorientierung darzustellen und auch die Prise Humor darf dabei auf keinen Fall fehlen.
Meinhard Maria Grewenig gratuliert Simone Heimann.
Geschichte in Geschichten für alle spannend zu erzählen, das ist unsere Stärke, hier dürfen, wollen und werden wir nicht nachlassen.
Und wir können auch nicht darauf warten, dass Taylor Swift eines Tages von goldenen Hüten singt und die Swifties die Besucherzahlen in galaktische Sphären treiben, so wie es dem Museum Wiesbaden im vergangenen Oktober vergönnt war. Wenn es so käme, wir wären dabei – bis dahin aber ist es an uns selbst, unsere Besucherinnen und Besucher immer
wieder neu zu begeistern. Ein Hoch auf das, was vor uns liegt!
Sei es in diesem Jahr noch das Lego Fan-Abenteuer oder die unsterblich unverstandene Sisi, die im Speyerer Dom übrigens das Grab ihres Religionslehrers und späteren Speyerer Bischofs Bonifaz von Haneberg besucht hat.
Auch in Zukunft werden wir das erfolgreiche wie gleichermaßen ambitionierte Programm von kulturhistorischen Ausstellungen im Wechsel mit Erlebnisausstellungen des Jungen Museums fortführen.
Der Geldbaum.
Und als Archäologin mit einer heimlichen Schwäche für frühmittelalterliche Schmuckstücke mit Almandinen freue ich mich darauf, wieder an die Tradition großer archäologischer Ausstellungen anzuknüpfen. Und wenn wir in wenigen Jahren auch mit einer Ausstellung die 1000-jährige Geschichte des Speyerer Doms feiern werden, so führen wir die Reihe der
unvergleichlichen Mittelalterausstellung fort und werden doch neue Wege suchen und finden müssen.
Mit der mutmaßlich ersten und ältesten Weinkrone der Pfalz komme ich zu meinem zweiten Teil, der von der Sammlung und ihrer Ausstellung erzählt.
Die Sicherheitsschuhe.
Das Historische Museum der Pfalz, so wie es bis heute gewachsen ist, fußt auf einer fast 200- jährigen Geschichte, auf breitem bürgerlichen Engagement und einem tiefen Geschichtsverständnis und -bewusstsein der Pfälzerinnen und Pfälzer. Es ist ein ganz besonderes Museum mit einem ganz besonderen Museumsbau, von uns liebevoll Altbau genannt, der von Gabriel von Seidl allein dafür errichtet wurde, um Geschichte zu zeigen und Objekte gekonnt in Szene zu setzen.
Unsere geografische Lage in der Metropolregion ist im Hinblick auf die Bevölkerungsdichte und die potentiellen Besucher natürlich ein klarer Vorteil. Sieht man jedoch nur die Pfalz, so liegen wir an ihrem östlichen Rand, wir sind schneller in Frankfurt als in Zweibrücken. Das Bewusstsein in allen Teilen der Pfalz dafür zu stärken, dass wir das Historische Museum für
die ganze Pfalz sind, auch das möchte ich mir zur Aufgabe machen.
Die Weinkrone.
Der erste Bericht des Historischen Museums der Pfalz aus dem Jahr 1913 beginnt mit den Worten – und ich zitiere hier: „Das Historische Museum der Pfalz hat sich seit der feierlichen Eröffnung durch Seine Königliche Hoheit den Prinzen Rupprecht von Bayern am 22. Mai 1910 in erfreulicher Weise entwickelt: die Sammlungen haben sich gemehrt, der Besuch hat ununterbrochen angehalten von nah und fern.“
Die Weinkrone.
Von eben jener Eröffnung könnte auch die Weinkrone erzählen, denn an jenem 22. Mai 1910 trat Fräulein Elisabeth Ferkel begleitet von ihren beiden Pagen, den Gymnasiasten Müller und Luxenburger, als Palatina auf und begrüßte die werte Festgesellschaft im Hauptportal. Fast auf den Tag genau 116 Jahre ist das nun her und damit zählt die Weinkrone doch zu den
jüngsten Objekten in unserer Sammlung.
Ich möchte Mut machen und werben für eine neue Dauerausstellung, für eine zeitgemäße Präsentation der vielen Kapitel der pfälzischen Geschichte. Der Pfalz ist vergönnt, was nur wenige Regionen in Deutschland von sich behaupten können – nämlich zugleich ein Lebensgefühl zu sein. Und bei allen historisch relevanten Themen und allen Objekten, die im
Depot ungeduldig darauf warten, endlich wieder gezeigt zu werden, auch das Pfalzgefühl wird seinen Platz bei uns bekommen.
v. l. Hans-Ulrich Ihlenfeld, Meinrad Maria Grewenig, Simone Heimann, Cornelia Ewigleben, Alexander Schubert, Thomas Metz, Eckart Köhne.
Bleibt drittens noch die Grünpflanze.
Sie steht für eine Geschichte, wie man sie wohl nur in Speyer erlebt und die Speyerer unter uns werden gleich wissen, was ich meine.
Seit 12 Jahren wohnen wir in der Speyerer Altstadt und vor ein paar Tagen gratulierte mir unsere Nachbarin auf der Gasse zu meinem neuen Amt und überreichte mir eben diese Grünpflanze.
So weit, so gut – von der Gattung her handelt es sich um einen Geldbaum, was vor dem Hintergrund der kostenintensiven Projekte ja vielleicht auch kein schlechtes Omen ist. Lassen Sie mich Ihnen also die Geschichte dieser Grünpflanze erzählen.
Seit 2003 überspannt ein beeindruckendes Glasdach das Forum und können wir den Innenhof für Veranstaltungen im Trockenen nutzen. Doch auch davor war der Innenhof ein Ort der Begegnung für die Stadtgesellschaft mit einer Bühne für Veranstaltungen und – Achtung – echten Grünpflanzen.
Und wie der Zufall so spielt, so hat die Schwester von besagter Nachbarin im Museum als Aufsicht gearbeitet, zu dem Zeitpunkt, als die Umbaumaßnahmen im Innenhof begonnen haben und auch die Bepflanzung weichen musste. Vom Geldbaum aber hat sie sich, die Schwester, nicht die Nachbarin, einen Ableger mit nach Hause genommen und von eben diesem Ableger stammt diese Grünpflanze ab.
Mag die pflanzliche DNA auch inzwischen verwässert sein, so steht sie für mich für die vielen Speyerinnen und Speyerer, die sich ihrem Museum bis heute verbunden fühlen und zugleich für die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Speyer und unserer Oberbürgermeistern Frau Seiler – die Pflanze bekommt daher einen Ehrenplatz in meinem neuen Büro.
Mit einem Dankeschön lassen Sie mich schließen.
Lieber Alexander Schubert, seit dem Jahr 2000 haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, die letzten 12 Jahre haben wir gemeinsam hier arbeiten dürfen. Ich bin dankbar für die Chancen und für das, was ich lernen durfte – und wir werden die Geschichte dieses Hauses ja auch ein Stück weit gemeinsam weiterschreiben, das dürfte als Konstellation ziemlich einzigartig sein.
Ich stünde nicht hier vor Ihnen, hätten mich mein Mann und unsere beiden Töchter nicht von Tag 1 an unterstützt – sie standen buchstäblich hinter mir, als ich am 28. Oktober meine Bewerbung um die Leitung dieses Hauses abgeschickt habe. Für meine Familie und mich ist das Museum mehr als ein Arbeitsplatz und als Cover-Girls auf den LEO-Titelblättern von der „Grüffelo-Ausstellung“ bis zu den „Superheroes“ konnten Sie alle meine beiden Mädels groß werden sehen. Und nicht mehr lange, dann steckt die erste Heimann in unserem Jumus-Kostüm – und ich bin es nicht.
Was für meine Familie gilt, gilt auch für Euch – liebe Kolleginnen und Kollegen, ganz besonders lieber Gerhard Bossert und lieber Lars Börner – ohne den Support von jedem und jeder einzelnen von Euch, ohne diese Selbstverständlichkeit Eurer Rückendeckung hätte ich den Weg gar nicht erst eingeschlagen – oder um es mit den Fantastischen Vier zu sagen: Wir sind zusammen groß, kommt lasst uns ein bisschen noch zusammen bleiben.
Bevor Sie jetzt denken, hervorragend, ein Schlusswort. – Sekunde noch.
Liebe Freundinnen und Freunde des Historischen Museums der Pfalz, liebe Gäste, die Sie der Einladung von Herrn Metz und Herrn Ihlenfeld gefolgt sind, ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit für diesen Festakt genommen haben.
Auf so vielen Wegen haben mich Glückwünsche erreicht, haben Sie mir Fortune, starke Nerven und gutes Gelingen gewünscht, vor allem aber Freude an dieser großartigen Aufgabe.
Von dieser Freude möchte ich und möchte die Stiftung Historisches Museum der Pfalz etwas weitergeben und Sie jetzt herzlich einladen, gemeinsam anzustoßen auf das Wohl und die Zukunft dieses Museums. Vielen Dank!
Die Rede von Alexander Schubert, seit 1. März Bürgermeister der Stadt Speyer
Liebe Freundinnen und Freunde des Historischen Museums der Pfalz,
wenn man heute hier steht, zur Amtseinführung einer neuen Direktorin, dann schaut man natürlich nach vorn, man fragt nach Plänen, Visionen und Herausforderungen. Und das völlig zu Recht. Ihre Vorfreude und Neugierde auf die neue Leiterin Simone Heimann und ihre Vorhaben wird groß sein und ich darf Ihnen sagen, Sie liegen damit richtig!
Aber – als Historiker weiß man auch um den Wert des Zurückschauens. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit sorgt für eine ganz besondere Bodenhaftung.
Aus dem eigenen Verorten in der Geschichte entsteht Gelassenheit und Demut. Zugleich inspiriert es, gibt Raum, die Dinge der Gegenwart differenziert zu betrachten, sie richtig einzuordnen und anzupacken.
Dieser wunderbar wirksame Zauber der Geschichtsbetrachtung, den wir Historiker kennen und manchmal auch wie einen geheimen Wissensschatz hüten, möchte ich heute mit Ihnen allen teilen.
Deshalb: lehnen Sie sich zurück und begeben Sie sich zusammen mit mir auf eine kleine Reise durch die Zeiten und die Direktionen des Historischen Museums der Pfalz.
Beginnen wir also ganz am Anfang:
Als Friedrich Sprater 1920 zum Direktor des Historischen Museums benannt wird, blickt er schon auf 12 Jahre als Kurator zurück und damit auch auf die Zeit im Bayerischen Königreich, als unter PrinzregentLuitpold der großartige Museumsbau von Gabriel von Seidl errichtet wird.
Sprater beginnt unermüdlich, Sammlungen aufzubauen, Bestände zu sichern, eine Institution zu formen, die der Pfalz ein Gesicht gibt.
Nach dem Ersten Weltkrieg ordnet sich Europa neu, in Deutschland ringt die Weimarer Republik um Konsolidierung, und Speyer gehört mittlerweile zur französisch besetzten Pfalz.
Doch die Zeit Spraters ist nicht frei von Widersprüchen: 1933 übernimmt die NSDAP die Macht, Hitler wird Reichskanzler und Sprater wird Parteimitglied – eine Entscheidung, die bis heute das Licht seiner Lebensleistung trübt. Das Museum ist mit diesem Schritt zwangsläufig nicht mehr nur ein Gedächtnisort, sondern Teil eines Systems, das Geschichte und Kultur benutzt und missbraucht.
Zwischen 1940 und 1944 wird Speyer mehrfach bombardiert, geringer als andere Städte und doch verletzend; Straßen, Gebäude, und die Infrastruktur leiden. Das Museum überlebt – beschädigt, aber widerstandsfähig, wie die Stadt selbst.
1945 endet der Krieg. Deutschland liegt in Trümmern, die NS-Herrschaft ist gebrochen, Speyer ist erneut französische Garnisonsstadt.
1949 wird die Bundesrepublik Deutschland gegründet, Konrad Adenauer wird Bundeskanzler, und Karl Schultz übernimmt die Direktion des Museums. Unter ihm beginnt eine Ära des geordneten Aufbaus: Geschichte wird mstrukturiert dokumentiert, Wissen vermittelt, das Museum erfüllt seine Bestimmung als Gedächtnis der Pfalz – ruhig, solide, wissensbasiert.
Während die D-Mark den Alltag stabilisiert, konsolidiert sich auch das Haus und beginnt im Nachkriegsdeutschland, neue Besucher anzusprechen.
Die 1950er und 1960er sind Jahre des Aufbruchs – und der leisen Spannungen. Das Wirtschaftswunder sorgt für Staunen und Stabilität. Auch in Speyer verändern sich Lebensrealitäten: das Kaufhaus Anker wird zur neuen Begegnungsstätte, hier versorgt man sich mit Kühlschränken, Fernsehern, Mixgeräten und Haartrocknern.
Im Museum dominiert die klassische Präsentation, das Vertrauen in die Kraft des Objekts. Eine Aufarbeitung der NS-Zeit wird - wie überall in Deutschland - auf später verschoben.
Die Welt verändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit: 1961 der Bau der Berliner Mauer, 1963 der Élysée-Vertrag - Zeichen deutsch-französischer Versöhnung. Auch in Speyer nähern sich die Pfälzer den hier stationierten Franzosen und ihren Familien langsam an. Man trifft sich am Georgsbrunnen vor dem Café Hindenburg auf ein Eis.
Ab 1967 ist Bernhard Vogel neuer rheinland-pfälzischer Kultusminister. Kulturförderung steht jetzt ganz hoch im Kurs - und wirkt im Detail. Lehrern, die die Mitgliederversammlung des Historischen Vereins der Pfalz besuchen, erhalten zum Ausgleich für ihr Engagement einen Freizeittag.
Die 1970er und 1980er Jahre sind geprägt von gesellschaftlichem Wandel: Ölkrise, autofreie Sonntage, der Deutsche Herbst, die 68er-Bewegung schon im Rückspiegel.
1982 wird ein Historiker aus der Pfalz deutscher Bundeskanzler – und nimmt seine besondere Verbindung zu Speyer mit ins Amt: Helmut Kohl wird die Stadt zur Weltbühne machen. Staatsgäste wie Michail Gorbatschow, George Bush, Boris Jelzin, Jacques Chirac, Margaret Thatcher und John Major geben künftig im Dom (und anschließend im Deidesheimer Hof bei Saumagen und Lewwerknödel) ihr Stelldichein. Der Kaiserdom ist seit 1981 offiziell eine UNESCO-Weltkulturerbestätte.
Bereits seit 1977 leitet Dr. Otto Roller das Museum. Blauer Dunst und Tabakduft ziehen seither durch die Räume. Im Museum verbringen Besucher und Aufsicht besinnliche Stunden der Zweisamkeit.
In der Ausstellungsphilosophie noch dem klassischen Bild verpflichtet, wächst unter ihm das Museum organisatorisch und baulich. Längst reichen die Räume des Seidl-Baus nicht mehr aus. 1988 wird die Baumwollspinnerei als Depot erworben – mit Platz für 2 Millionen Objekte auf 6.000 Quadratmeter. Und: Ein moderner Erweiterungsbau soll das Museum am Domplatz zukunftsfähig machen.
Die 1985 gegründete Museumsstiftung mit dem Hauptstifter Bezirksverband Pfalz sorgt für eine solide Grundlage.
Das zeitgemäße Gebäude entsteht, mit zwei Glaspyramiden auf dem Dach - Pariser Louvre-Flair in der Pfalz.
Ein scheinbar kleiner Wasserschaden verzögert zwar die Nutzung für große Ausstellungen. Das wirkt aber zunächst wie ein unbedeutendes Detail am Rande – kein großes Ärgernis. Niemand ahnt, dass daraus 25 Jahre später ein Sanierungsfall werden wird, der dem Verwaltungsleiter Gerhard Bossert und mir selbst - über Jahre viele schlaflose Nächte bereitet.
Otto Roller verbindet das Museum mit der Stadt, engagiert sich neun Jahre als Stadtrat und wird Beigeordneter für Kultur, Volkshochschule und Altersheime. Eine Museumslaufbahn scheint nicht unbedingt hinderlich zu sein, im Stadtvorstand erfolgreich zu wirken.
Speyer genießt hautnah die Segnungen des Papstes Johannes Paul II. auf dem Domplatz - und die damit einhergehende bundesweite Öffentlichkeit.
Die 1990er Jahre verbinden globale und lokale Umbrüche: 1990 die deutsche Wiedervereinigung, 1991 das Ende des Kalten Krieges. Speyer feiert 2.000 Jahre Stadtgeschichte, die autogerechte Innenstadt ist passé, die bunten Fahrzeuge verschwinden vom Großparkplatz vor dem Dom. Palmen und Oleander sorgen nun für mediteranes Flair auf der Maximilianstraße.
Die Postleitzahlen werden fünfstellig, die Besucherzahlen des Museums sogar sechsstellig. 1992 eröffnet die Salier-Ausstellung, die über 422.000 Besucher anzieht – eine bis heute nicht mehr erreichte Superlative. Unter Meinrad Maria Grewenig wird Ausstellungmachen zum „logistischen Großunternehmen“: Objekte, Räume, Geschichten – alles wird vom Maestro orchestriert, getragen von einer selbstbewussten Vermarktung.
Das Haus steigt in die Bundesliga der deutschen Museumslandschaft auf – denn die Champions League gibt es damals ja noch nicht. Man spürt allenthalben den Ehrgeiz. The Sky is not the limit – so ließe sich die Ära Grewenig überschreiben.
1995 tritt Werner Schineller das Amt des Oberbürgermeisters an. Kultur, Geschichte und Politik gehen in Speyer Hand in Hand. Mit Cornelia Ewigleben beginnt im Museum das neue Jahrtausend – der Aufbruch zu neuen Formaten, kulturgeschichtlich und im Bereich der Kinder- Familienausstellungen.
Weltweit markiert der 11. September 2001 eine globale Zäsur, ein Tag bei dem heute wirklich noch jeder weiß, wo er ihn erlebt hat, und ein Tag, der wie kein anderer die Zukunft verändert hat.
Sicherheitskonzepte und Worst-Case-Szenarien werden nun fester Bestandteil des Alltags – auch beim Ausstellungmachen. Der Übersee-Leihverkehr wird kompliziert und teuer. Taschenkontrollen am Einlass stehen auf der Tagesordnung.
Ab dem 1. Januar 2002 wird an der Ausstellungskasse mit Euro-Münzen bezahlt, die D-Mark wandert als Objekt in die Sammlung. 2003 öffnet die Ausstellung „30 Jahre Playmobil“ und stellt mutig Alltagsobjekte aus dem Kinderzimmer in die Vitrinen. Ein Sakrileg? oder eine zukunftsweisende Entscheidung.
Die Besucher geben Cornelia Ewigleben recht und noch zweimal - 2013 und 2023 - belegen die kleinen Plastik-Männchen, dass sie museumsreif sind und in der Lage – große Besuchermassen nach Speyer zu locken.
Der Innenhof des Museums wird überdacht und zu Speyers schönstem Veranstaltungsort: Partyplatz, Theaterbühne, Konzertsaal, Vortragsraum, Café – alles in einem, bis auch hier ein undichtes Glasdach den Betrieb vorübergehend stoppt.
Während Deutschland das Fußball-Sommermärchen 2006 erlebt, Smartphones und soziale Medien den Alltag verändern, wird das Museum unter Alexander Koch thematisch noch breiter und internationaler: Hunnen, Samurai, Hexen, Amazonen, altes Ägypten – viele Perspektiven, viele Stimmen. Bis nach Berlin hallt der gute Ruf Speyers und weckt Begehrlichkeiten in der Bundeshauptstadt.
2011 - Eckart Köhne übernimmt das Haus und besinnt sich mit Themen wieSpeyerer Stadtansichten oder Königreich Pfalz wieder stärker auf den Standort am Oberrhein. Und er nimmt ein Großprojekt ins Programm, das den Ruf des Museums für alle Zeiten untermauern wird: Titanic – echte Funde, wahre Schicksale.
Ab 2014 darf ich dann die Leitung übernehmen und das Museum für 12 Jahre begleiten. Museumsarbeit wird jetzt noch mehr zum Mannschaftssport. Große Ausstellungen, starke Narrative und eine klare Besucherorientierung – das sind unsere gemeinsamen Leitplanken auf der Erfolgsspur. Neben den großen kulturgeschichtlichen Ausstellungen werden zwei weitere Säulen konsequent gepflegt: Regional- und Stadtgeschichte im europäischen Kontext und Familien- und Mitmachausstellungen.
Das Museum vernetzt sich in der Metropolregion, arbeitet mit Partnern aus Kultur und Wirtschaft zusammen und engagiert sich in gesellschaftlichen Themen wie Inklusion, Demenzbegleitung, Digitalisierung, Demokratiebildung.
Kinderbuch-Figuren wecken bei den Kleinsten Freude am Museum – und machen sie stark. Wunschpunkte, Wuschelige Monster und wilde Drachen bevölkern das Haupthaus. Der Erweiterungsbau sehnt die längst überfällige Generalsanierung weiterhin herbei.
2020 kommt die COVID-19-Pandemie: Ausgangssperren, Angst und Allgemeinverfügungen. Museen zählen plötzlich zu den besonders streng eingeschränkten „Vergnügungsbetrieben“, in einem Atemzug mit den Bordellen – heute lachhaft, damals eine enorme Kränkung für die Kuratorenseele.
Gesellschaft und Museum überwinden diese Zeit, atmen auf und bemühen sich – trotz Ukraine-Krieg – um Rückkehr zur Normalität. Und heute stehen wir an einem weiteren Wendepunkt. Globale Umbrüche,
Kriege, gesellschaftliche Debatten, Energiekrise und die einstmals „Sozialen Medien“, die längst unsozial geworden sind.
Mit Simone Heimann übernimmt nun eine Direktorin das Museum, die mit ihm gewachsen ist und die ihm gewachsen ist, die seine Geschichte kennt und eine Vision für seine Zukunft hat.
Das Museum wird weiter seine gesellschaftliche Rolle erfüllen, Geschichten erzählen, Orientierung bieten, glückliche Stunden schenken, Kinder stark mmachen und für eine Bodenhaftung sorgen, wie es nur die Beschäftigung mit Kultur und Geschichte vermag. Darauf freue ich mich!
Thomas Metz und Hans-Ulrich Ihlenfeld
Zu Beginn der offiziellen Amtsübergabe hieß Thomas Metz, Vorstandsvorsitzender Stiftung Historisches Museum der Pfalz, hieß das Auditorium im Innenhof des Museums willkommen.
„Wir sind ein großes Museum in Rheinland-Pfalz ... Es ist ein Museum mit Strahlkraft über das Land hinaus … Sein Markenzeichen sind große Ausstellungen“, betonte Metz und er fügte an: „einzigartig ist das ‚Junge Museum‘ in Rheinland-Pfalz“. Bezüglich des Museumspersonals sagte er: „Ein tolles Team im Haus“.
Hans-Ulrich Ihlenfeld, Vorsitzender des Bezirkstages Pfalz verwies u. a. auf die „großen Erfolge der Einrichtung“. Das Museum sei „tief mit der Stadt Speyer verwurzelt“ hob Ihlenfeld hervor. Er dankte dem Land Rheinland-Pfalz für die Unterstützung.
Sein „aufrichtiger Dank“ galt dem bisherigen Direktor des Museums und jetzigen Bürgermeister Prof. Dr. Alexander Schubet sowie dessen Vorgängern Meinrad Maria Grewenig, Dr. Cornelia Ewigleben und Dr. Eckart Köhne, er erinnerte auch an den früheren Museumsdirektor Dr. Alexander Koch.
Mit Blick auf die lange Reihe der Sonderausstellungen seien Akzente gesetzt worden, sie hätten das Museum zum Publikumsmagnet gemacht, ihm Glanz verliehen. Das große Ziel Schuberts sei gewesen: „Ein Museum für Alle“.
Die Situation im Straßenverkehr ließ nicht zu, dass Prof. Dr. Jürgen Hardeck, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz, seine Festansprache halten konnte. - Bernhard Bumb
