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- Veröffentlicht am Dienstag, 25. November 2025 17:31
100 Jahre Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften
Festakt am 14. November 2025 im Historischen Rathaus der Stadt Speyer
Rede von Dr. Lenelotte Möller. Präsidentin der Pfälzischen Gesellschaft, vorgetragen von Dr. Peter Diehl, Vizepräsident
Verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Jubiläumsfeier!
Ich habe nun die Ehre, Ihnen in Frau Dr. Möllers Namen einen kurzen Überblick über die 100jährige Geschichte der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu geben, – die ich im Folgenden der Einfachheit halber nur „Pfälzische Gesellschaft“ nenne.
Am 26. Oktober vor 100 Jahren wurde hier in Sichtweite, im sogenannten Alten Stadtsaal von Speyer, die Gründungsfeier der Pfälzischen Gesellschaft begangen. Damit wurde – nach der Pfälzischen Landesbibliothek 1921 – im Jahr 1925 die zweite Einrichtung gegründet, die sich der Erforschung und der allgemeinen Bildung der Pfalz in allen Disziplinen widmete.
Dies geschah damals vor allem in der Absicht, den badischen Einfluss aus der Universität Heidelberg und den französischen Einfluss der Besatzungsmacht auf die Erforschung und auf die Deutungshoheit in der Pfalz in Schranken zu halten. Denn eine Universität, die alle wissenschaftlichen Fachrichtungen in sich versammelt hätte, gab es nicht.
Der Gründung war eine ganze Reihe von Vorschlägen und Diskussionen über Namen und Funktion vorausgegangen. Der bayerische Kultusminister Franz Matt aus Offenbach an der Queich und Regierungspräsident Jakob Mathéus aus Klingenmünster, die sozusagen an der Wiege der Pfälzischen Gesellschaft standen, hatten eine Zahl von 25 Männern (!) in der neuen Gesellschaft
versammelt. Diese – das lag wohl in der Natur der Sache – standen loyal zur bayerischen Staatsregierung. Gleichzeitig gehörten sie aber durchaus zur geistigen Elite der Pfalz in ihren Wissenschaftsrichtungen: Geschichte, Sprache, Literatur, Geographie, Biologie, Wirtschaft, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, und speziell Weinbau. Gründungspräsident wurde der Deidesheimer Weingutsbesitzer Geheimer Rat Dr. Friedrich von Bassermann-Jordan.
In ihren ersten Jahren war die Gesellschaft – finanziell gut ausgestattet – durchaus produktiv. So erschien eine ganze Zahl von Bänden unterschiedlicher Disziplinen. Auch wurde die pfälzische Bibliographie abgeschlossen.
1933 wurde die Gesellschaft durch die Nationalsozialisten gleichsam usurpiert. Schon in den Jahren zuvor hatten die Nazis die Gesellschaft als elitären Club von Eigenbrötlern diffamiert. Gaukulturwart Kurt Kölsch setzte Hermann Emrich als neuen Präsidenten durch. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, der Einfluss der Gründungsmannschaft beseitigt, die
sogenannte Völkischen Wissenschaft propagiert, einschließlich Rassenkunde.
In dieser Konstellation wurde die Gesellschaft auch zum Ausgangspunkt der Heimatstelle Pfalz. Der weltanschauliche Irrweg endete im Wesentlichen mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Die Gesellschaft wurde 1950 von sechs noch lebenden Gründungsmitgliedern von 1925 wieder ins Leben gerufen. Präsident wurde erneut der 1933 verdrängte Dr. von Bassermann-Jordan, der dann sein Amt aus gesundheitlichen Gründen 1955 niederlegte. In der Nachkriegszeit wurden etliche, wenn auch natürlich nicht alle Mitglieder, die schon einmal zwischen 1933 und 1945 berufen worden waren, erneut in die Gesellschaft aufgenommen.
Die NS-Geschichte der Gesellschaft wurde vom vor einem Jahr leider verstorbenen Historiker Dr. Wolfgang Freund aus Saarbrücken in dem Werk „Volk, Reich und Westgrenze“ erforscht und dargestellt. Einerseits ist es bedauerlich, dass dies nicht aus der Mitte der Pfälzischen Gesellschaft selbst geschah. Andererseits entstand so eine Arbeit von hoher Objektivität, gleichzeitig eine ausgezeichnete, differenzierte und ebenso schonungslose wie ausgewogene Darstellung.
Die Gesellschaft schließt sich der kritischen Würdigung durch Wolfgang Freund an. Ergänzt wurde diese Untersuchung durch einen Aufsatz unseres Mitgliedes Dr. Armin Schlechter über die NS- und Nachkriegszeit, in der der Umgang mit der NS-Zeit ebenfalls kritisch betrachtet wird. Die Pfälzische Gesellschaft positioniert sich damit deutlich zu den Vorgängen ab 1933 und nach 1945.
Die Arbeit nach 1950 war zunächst durch Änderungen in der Mitgliederstruktur gekennzeichnet: Mit der Geologin Dr. Ilse Plewe-Völker wurde 1955 erstmals eine Frau aufgenommen. Erst im Jahr 1983 folgte mit der Kunsthistorikerin Dr. Gisela Fiedler-Bender die nächste Aufnahme einer Frau.
Inzwischen beträgt der Frauenanteil über 20 % – immerhin, aber lange nichtgenug. Natürlich wurde auch die Frontstellung gegen Frankreich aufgegeben. Und seit einigen Jahren hat die Gesellschaft auch französische Mitglieder. Das Hauptwerk wurde der Pfalzatlas in vier Text- und zwei Tafelbänden, verantwortet von Präsident Dr. Willi Alter.
Die Pfälzische Gesellschaft arbeitete nun nicht mehr unter bayerischem Dach, sondern unter rheinland-pfälzischem. Land und Bezirksverband gewährten anfangs eine finanzielle Grundausstattung. Das Land unterstützte auch großzügig die Arbeit am Pfalzatlas. Inzwischen ist allein der Bezirksverband als Unterstützer der Pfälzischen Gesellschaft geblieben. Dafür möchten wir Ihnen, Herr Ihlenfeld, von ganzem Herzen danken. Ihre Unterstützung geht regelmäßig in unsere Publikationen und Tagungen ein.
Als wichtigster projektbezogener Unterstützer hat sich in den vergangenen Jahren die Kulturstiftung Speyer, begründet von Prof. Dr. Peter Eichhorn erwiesen. Auch dafür herzlichen Dank! Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang den Hinweis, dass die heutige Feier natürlich nicht aus Geldern des Bezirksverbandes, sondern aus Spenden der Mitglieder bestritten wird.
Dank gilt auch den Verlagen, die unsere Publikationen mit Sorgfalt und in ausgezeichneter Kooperation an die Öffentlichkeit bringen. In ihrer Publikationsreihe und außerhalb in Zusammenarbeit ihrer Mitglieder kann die Pfälzische Gesellschaft eine ganze Reihe naturwissenschaftlicher, geisteswissenschaftlicher und interdisziplinärer Publikationen vorweisen.
Neben dem Pfalzatlas sind das auch mehrere Landeskunden aus verschiedenen Jahrzehnten. Im Bereich Geschichte hat sie sich neben der Landes- und Regionalgeschichte sehr oft dem Themenbereich Demokratie und Diktatur zugewendet. Zuletzt hat sie ein Positionspapier zur Klima- und Biodiversitätskrise veröffentlicht, das sich durch die Beteiligung mehrerer Fachbereiche aus Naturwissenschaft, Forstwirtschaft und Landwirtschaft auszeichnet. In solcher interdisziplinärer Arbeit sehen wir auch künftig ein Betätigungsfeld.
Ein grundlegendes Projekt, das die Gesellschaft seit ihrer Gründung begleitet, steht jetzt wieder, gleichsam in Großbuchstaben auf der Agenda der Gesellschaft, nämlich ein Biographisches Lexikon der Pfalz auf wissenschaftlicher Basis.
Verehrte Festgäste,
vor zehn Jahren feierten wir hier im Historischen Ratssaal unser 90jähriges Gründungsjubiläum, ein Fest, dass der vorige Präsident Dr. Klaus Kremb angeregt hatte. Man konnte damals fragen, ob diese Zeitspanne eine Jubiläumsfeier wert ist. Aber insbesondere, wenn wir uns heute erinnern, wer damals noch dabei war und sich über die Feier gefreut hat und heute nicht mehr dabei sein kann, dann erweist sich der Gedanke als sehr richtig. Ja vielleicht sollte man überhaupt auch kleinere Jubiläen angemessen begehen.
Innehalten und gemeinsames Nachdenken über das künftige Wirken gehören zu den wichtigen Voraussetzungen einer sinnhaften und erfolgreichen Arbeit. So ist es mir eine besondere Freude, dass wir – diesen Gedanken aufgreifend – für die heutige Festrede Herrn Professor Frank Uekötter, Inhaber des Lehrstuhls für Technik- und Umweltgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, gewinnen konnten. Er wird uns in seinem Vortrag an unsere Verantwortung als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erinnern. Vielen Dank!
Grußwort der Oberbürgermeisterin von Speyer, Stefanie Seiler
(Sehr geehrte Frau Dr. Möller *)), sehr geehrte Mitglieder und Engagierte der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, meine Damen und Herren,
es ist mir eine besondere Ehre, heute zu diesem bemerkenswerten Jubiläum zu Ihnen zu sprechen. Hundert Jahre – das ist eine Zeitspanne, die nicht nur von Kontinuität zeugt, sondern auch von der Kraft einer Idee: der Überzeugung, dass Forschung, Austausch und reflektiertes Denken für eine Region genauso wichtig sind wie jede wirtschaftliche oder politische Infrastruktur.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1925 versteht sich die Pfälzische Gesellschaft als Ort, an dem Wissen gesammelt, geprüft und weitergegeben wird. Das klingt selbstverständlich, ist es aber längst nicht mehr. Wir leben in einer Zeit, in der gesicherte Fakten infrage gestellt, in der komplexe Zusammenhänge vereinfacht oder verzerrt werden und in der populistische Antworten oft lauter sind als sorgfältige Argumente. Gerade in solchen Zeiten zeigt sich der Wert einer Institution, die unbeirrbar auf gründliches Arbeiten, auf Austausch zwischen den Disziplinen und auf eine offene, nüchterne Auseinandersetzung mit Themen setzt.
Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit – die Begegnung von Menschen aus Geschichtswissenschaft, Naturwissenschaft, Kultur, Sprache oder Theologie – ist ein wesentlicher Beitrag zu einer demokratischen Kultur, die Diskussion zulässt, Unterschiede anerkennt und Erkenntnis über Meinung stellt. Demokratie lebt davon, dass wir uns an Fakten orientieren können, dass wir Mechanismen haben, die uns helfen, zwischen Behauptung und Beleg zu unterscheiden. Ohne dieses Fundament verliert gesellschaftlicher Zusammenhalt Halt und Richtung. Dass Ihre Gesellschaft diesen Auftrag seit einem Jahrhundert ernst nimmt, verdient hohen Respekt.
Besonders sichtbar wird dies in Ihrer Zeitschrift Pfälzer Heimat, die regionale Themen, Forschung, historische Zusammenhänge und kulturelle Entwicklungen verständlich und zugänglich macht. Sie schafft Verbindungen – zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fachleuten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Und sie zeigt: Erkenntnis muss nicht abgehoben sein; sie kann und soll Teil des Alltagsbewusstseins unserer Region sein.
Eine solche Arbeit wäre ohne die vielen ehrenamtlich Engagierten nicht denkbar. Menschen, die Zeit und Sachverstand einbringen, die recherchieren, schreiben, organisieren, vernetzen. Ihr Engagement ist keine Selbstverständlichkeit – und doch bildet es den Kern dessen, was die Pfälzische Gesellschaft so einzigartig macht. Ich möchte Ihnen dafür ausdrücklich danken.
(Mein Dank gilt auch Ihnen, Frau Dr. Möller *). Seit 2013 stehe sie an der Spitze der Gesellschaft. Sie verbinde ihre wissenschaftliche Erfahrung – sowohl aus ihrer Promotion als auch aus vielen eigenen Publikationen – mit ihrer Verantwortung als Schulleiterin des Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasiums hier in Speyer. Viele erleben sie als eine Person, die sorgfältig arbeite, präzise formuliere und Themen mit Ruhe, aber mit klarer Linie voranbringe. Diese Haltung tut der Gesellschaft gut. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit und Kontinuität. Und sie zeigt, dass man in einer Führungsrolle Orientierung geben kann, ohne laut zu sein.
Wenn wir heute hier im Historischen Ratssaal zusammenkommen, dann erinnert uns dieser Ort daran, dass öffentliche Verantwortung immer auch bedeutet, unterschiedliche Stimmen zu hören, Entscheidungen zu begründen und das Gemeinwohl im Blick zu behalten. Ihre Gesellschaft trägt dazu bei, dass solche Verantwortung nicht nur politisch, sondern auch kulturell, historisch und wissenschaftlich gelebt wird.
Im Namen der Stadt Speyer gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zum 100-jährigen Jubiläum. Ihre Arbeit regt Menschen zum Denken an, ermöglicht Diskussionen, vertieft Wissen – und bleibt damit ein unverzichtbarer Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft, die sich auf Fakten stützt und sich gerade deshalb weiterentwickeln kann. - Vielen Dank.
*) Anmerkung: Dr. Lenelotte Müller konnte am Festakt nicht teilnehmen, deswegen die geänderten Formulierungen in der Anrede und im Absatz (Mein Dank gilt…). - Bernhard Bumb
Prof. Dr. Frank Uekötter
Forschen ohne Grenzen
Festvortrag zum 100jährigen Jubiläum der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften
Ein Jahrhundert ist vergangen, seit die Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet wurde, und es freut mich sehr, dass ich Ihnen aus diesem Anlass ein paar Überlegungen zu Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit in unserer Zeit präsentieren darf.
Bei einem solchen Jubiläum geht es ja zweifellos um mehr als ein mathematisch unvermeidliches Produkt der numerischen Willkür eines Dezimalsystems, das darauf programmiert ist, in regelmäßigen Abständen runde Jahrestage auszuspucken. Es ist ein besonderer Moment, wenn eine Gesellschaft 100 Jahre alt wird. 100 Jahre sind mehr als die Lebenszeit der meisten Menschen, da gibt es mehrere Generationen von Forscherinnen und Forschern, die einen Beitrag geleistet haben, es gibt eine Menge Ergebnisse, die man vorzeigen kann, und auch einen Schatz von Erfahrungen darüber, wie gute Ergebnisse zustande kommen.
Ein solches Jubiläum ist eine Gelegenheit zum Innehalten, zum Nachdenken über das Erreichte und über den Weg, der zu diesen Erfolgen führte, und zum Nachdenken über das, worauf man nicht stolz ist: über Misserfolge, die es bei einem Verein nach 100 Jahren unvermeidlich gibt, über Momente des Scheiterns, des Versagens, stets verbunden mit dem Versuch, Klarheit darüber zu gewinnen, wie es zu solchen Momenten gekommen ist.
Es ist eine gute bundesrepublikanische Übung, dass bei einem solchen Jubiläum neben den legitimen Stolz auf das Erreichte die kritische Selbstreflexion tritt. Es freut mich deshalb ganz besonders, dass ich hier nach den Bemerkungen von Lenelotte Möller sprechen darf, und vor allem freue ich mich über das, was hinter ihren Bemerkungen steht. Man sieht, dass es in dieser Gesellschaft eine gründliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen gibt und eine Bereitschaft, die Arbeit der eigenen Gesellschaft immer auch in Verantwortung vor dieser Geschichte zu betrachten.
Ich habe einen nicht unerheblichen Teil meines akademischen Lebens in Großbritannien verbracht, und deshalb weiß ich, dass eine kritische Erinnerungskultur überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist, sondern vielmehr eine akademische und gesellschaftliche Errungenschaft ersten Ranges.
Vergleichbares gibt es in Großbritannien nur als Projekt einer politischen Minderheit, und das ist weit mehr als eine kulturelle Eigenheit. Wenn eine Gesellschaft die Fähigkeit verliert, die eigene Vergangenheit ehrlich und selbstkritisch zu betrachten, dann hat das auch Folgen für das Denken und Handeln von Menschen und irgendwann auch Folgen für politische Entscheidungen. Man kann all die traurigen Ereignisse, die sich mit dem Brexit verbanden und weiterhin verbinden, mit guten Gründen auch als eine Art Realexperiment betrachten, wie rasch moderne Gesellschaften ins Trudeln geraten können, wenn die Dämonen der Vergangenheit übermächtig werden. Eine kritische Erinnerungskultur ist keine nette Spielerei und schon gar nicht Ausfluss irgendwelcher Obsessionen mit „wokeness“, sondern vielmehr eine wichtige Ressource, ein intellektueller Kompass, der es uns erlaubt, unsere tägliche Arbeit mit mehr Wissen, mehr Augenmaß und mehr Demut anzugehen.
Aber als ich zu überlegen begann, was ich an dieser Stelle sagen könnte, da fiel mir noch etwas anders auf. Ein 100jähriges Jubiläum fühlt sich heute anders an als noch vor wenigen Jahren. Vor 15 oder 20 Jahren konnte man bei einem solchen Anlass noch ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass der Wert wissenschaftlicher Expertise jenseits der seriösen Debatte lag.
Moderne Gesellschaften haben nun mal eine gewisse Komplexität, sie haben komplexe Probleme, und da kommt man weiter, wenn es Menschen gibt, die solche Probleme mit den Instrumenten der neuzeitlichen Wissenschaft angehen: Menschen, die Fakten gründlich prüfen, mit Methoden und Theorien analysieren, über die sie vorab ordentlich nachgedacht haben, und die am Ende aller Mühen Ergebnisse öffentlich zugänglich machen, damit sie jedermann kritisch überprüfen kann. Natürlich lieferte Wissenschaft nicht nur Gewissheiten, sondern manchmal auch eine Menge Stoff zum Streiten.
Wenn Sie wie ich Historiker und schon etwas älter sind, dann erinnern Sie sich zweifellos noch an die großen Debatten, die Auseinandersetzungen über die Frage „Wem gehört die deutsche Geschichte?“; aber bei allem Streit gab es doch auch einen selbstverständlichen Respekt vor der wissenschaftlichen Expertise, ein stilles Einverständnis, dass die andere Seite vielleicht nicht Recht hatte, aber doch das Recht hatte, gehört zu werden und ernst genommen zu werden.
Diese Selbstverständlichkeit ist uns in den vergangenen Jahren verloren gegangen, und vermutlich wissen Sie, wovon ich rede. Wir alle erinnern uns an die Aluhüte auf den Corona-Demonstrationen, wir wissen um die hartnäckige Leugnung oder Marginalisierung des anthropogenen Klimawandels, und was KI-generierte Videos mit unserem Glauben an Faktizität anstellen werden, das finden wir ja gerade erst heraus. Gerne richtet sich das innere Auge bei diesen Themen in Richtung USA, wo die Regierung von Donald Trump gerade einen ziemlich umfassenden Krieg gegen Expertise jeglicher Art ausficht.
Kluge Beobachter wissen jedoch, dass wir seit vielen Jahren auch deshalb so intensiv auf die Vereinigten Staaten schauen, weil wir im transatlantischen Spiegel Dinge erkennen und verhandeln, die auch unsere bundesdeutsche Gegenwart prägen. Wenn wir etwa die Klimaforschung nehmen:
Ich bin mir nicht sicher, dass die Leugnung des Klimawandels in den USA wirklich so viel verbreiteter ist als bei uns. Vielleicht ist das ja nur eine optische Täuschung, weil wir einfach noch nicht genau genug hingeschaut haben? In den USA gibt es kritische Forscherinnen wie Naomi Oreskes, die sich um die gründliche Aufarbeitung einschlägiger Aktivitäten verdient gemacht haben, mit der netten Pointe, dass manchmal dieselben Leute, die in der jüngsten Vergangenheit den Zweifel am anthropogenen Klimawandel schürten, vorher in gleicher Mission für die Tabakindustrie gearbeitet hatten.
So dreist läuft das in Deutschland vielleicht nicht, aber es gibt schon Indizien, dass das Geschäft mit dem Zweifel bei uns im Verborgenen gedeiht. Es hat mich schon nachdenklich gemacht, dass Claudia Kemfert in ihrem Buch „Schockwellen“ darüber berichtet, wie sie im politischen Berlin immer wieder die einschlägigen klimaskeptischen Phrasen hören musste – und das nicht etwa in grauer Vorzeit, sondern in den 2010er Jahren, als die seriöse Forschung nun wirklich keine Grundlage für prinzipielle Zweifel mehr bot.
Vor diesem Hintergrund schaut man anders auf das 100jährige Jubiläum einer Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Die Erwartung, dass das schon alles so weiterlaufen wird im Geschäft der Forschung wie in den vergangenen Jahrzehnten – das ist wohl auch eine dieser Selbstverständlichkeiten, von denen wir uns im krisengeschüttelten 21. Jahrhundert verabschieden müssen.
Wir können nicht mehr ohne Weiteres davon ausgehen, dass die Institutionen, die das Netz der Wissenschaft am Leben erhalten, in zehn oder 20 Jahren noch funktionsfähig sein werden, und erst recht können wir nicht mehr einfach davon ausgehen, dass diese Institutionen mehr sein werden als akademische Echokammern in einer Welt, die sich nicht mehr groß um Expertenmeinungen kümmert. Wissenschaft präsentiert sich heute als ein fragiles, voraussetzungsreiches Unterfangen, und es zeigt sich, wie schnell wissenschaftliche Forschung aus dem Takt kommt, wenn einige dieser Voraussetzungen nicht mehr einfach gegeben sind.
So können wir das 100jährige Jubiläum einer wissenschaftlichen Organisation heute nicht mehr mit der Gewissheit begehen, dass es da eines Tages auch ein 150jähriges oder 200jähriges Bestehen geben wird und dass diese Gesellschaft und viele andere Institutionen der Wissenschaft dann mehr sein werden als leere Hüllen, die man nur deshalb nicht auflöst, weil die Arbeit und die Ergebnisse der Wissenschaft ohnehin niemanden mehr kümmern.
Als Wissenschaftler schaut man heute etwas wehmütig zurück auf das 18. Jahrhundert, die Zeit der Aufklärung, als die ganze Sache noch ganz einfach zu sein schien. „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“, hieß es bekanntlich bei Immanuel Kant. Verstand ist weiterhin wichtig für ordentliche Wissenschaft, aber es braucht im 21. Jahrhundert schon etwas mehr: leistungsfähige Informationsdienstleister, hochmoderne Labors mit komplexen Gerätschaften, transnationale Vernetzung. Es braucht aber auch Unterstützung von Einrichtungen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Wissenschaft zu tun haben.
Wer heute eine internationale Gruppe von Forscherinnen und Forschern leitet, bekommt dabei gratis einen Crashkurs darüber, was für eine tolle Sache so ein Schengen-Pass ist, weil Sie nämlich ohne einen solchen Pass ziemlich viele Visaregeln und Reisebeschränkungen beachten müssen. Und wenn Sie so eine Forschergruppe an einer britischen Universität leiten, dann erfahren Sie auch, wie der Ungeist des neuen Nationalismus längst auch Institutionen infiziert, die sich sonst ihrer eigenen Weltoffenheit rühmen. Es muss auch nicht unbedingt eine üble Gesinnung sein, die üble Probleme schafft. Als ich nach zehn Jahren England wieder nach Deutschland kam, merkte ich, wie selbstverständlich deutsche Behörden und Körperschaften davon ausgehen, dass man sein ganzes Leben im Kokon der Bundesrepublik verbracht hat und wie jede Einrichtung ihre eigenen Wünsche und Forderungen hat, ohne sich darum zu kümmern, ob das überhaupt zu den Wünschen anderer Einrichtungen passt. Solche bürokratischen Bocksprünge nähren nur zu leicht das Gefühl, dass man als Mensch mit Migrationshintergrund an deutschen Forschungseinrichtungen nicht willkommen ist.
Als die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Ina Brandes kürzlich an der Ruhr-Universität zu Gast war, fasste ein Bochumer Kollege die aktuelle Situation der Wissenschaft in die Formulierung: Man hat den Eindruck, der Nebel wird dichter. Es gibt ein Dickicht von Regeln, in dem Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit zu ersticken droht, und immer wieder eskalieren Dinge auf eine Weise, die den leidenschaftlichen Forscher sprachlos machen.
Als mein Bochumer Kollege Christian Bunnenberg im März 2020 im Corona-Lockdown saß und die Initiative ergriff, pandemische Alltagserfahrungen in einem Online-Archiv zu dokumentieren – das Ergebnis ist das Coronarchiv, heute die beste einschlägige Datenbank –, da drehten sich die ersten Gespräche nicht etwa um Forschungsdesign oder Methodik und auch nicht um die Finanzierung, sondern um den Datenschutz. Vier Tage lang verhandelte Bunnenberg mit dem Datenschutzbeauftragten – wohlgemerkt bei einem Projekt, das voll und ganz auf freiwilliger Teilnahme beruhte.
Haben solche Beauftragte irgendeine Ahnung davon, wie frustrierend solche Exerzitien sind? Haben solche Menschen sich jemals Gedanken darüber gemacht, dass es neben dem Datenschutz vielleicht noch andere relevante Anliegen gibt? Im vorliegenden Fall war die Pointe, dass die Datenschützer nach einem Jahr zurückkamen und erklärten, dass es ein juristisches Problem in der Zustimmungsregelung gäbe, die sie selbst abgesegnet hatten. Deshalb bekamen alle Menschen, die etwas zum Coronarchiv beigesteuert hatten, eine Email mit der Bitte, der neuen Regelung zuzustimmen; und weil diese Email von vielen nicht beantwortet wurde, verlor das Archiv 800 Objekte. Das ist für ein solches Projekt natürlich der GAU schlechthin. Aber interessiert das einen Datenschützer überhaupt?
Im Nebel der bürokratischen Regeln verliert man auch zu leicht aus dem Blick, dass es in der wissenschaftlichen Forschung gerade auch ein sehr grundlegendes Problem gibt: nämlich das liebe Geld bzw. genauer gesagt dessen Fehlen. Sie alle wissen um die rabiaten Kürzungen der Trump-Regierung, die manchen Projekten schon deshalb die Finanzierung streicht, weil eine Schlagwortsuche im Antragstext den Wortbestandteil „trans“ zutage förderte. Aber auch in Deutschland wird emsig gekürzt, und ich bin mir nicht sicher, dass dabei so viel geistvoller vorgegangen wird als in den USA.
An der Ruhr-Universität Bochum wurde etwa vor knapp zwei Jahren mehr als jede zehnte Professur gestrichen – im Historischen Institut wurde sogar noch mehr gekürzt, nämlich insgesamt drei volle Professuren – und das geschah so schnell, dass man sich jegliche Überlegungen zur strategischen Weiterentwicklung der jeweiligen Fakultäten schenken konnte. Gekürzt wurden die Professuren, die gerade nicht besetzt waren oder deren Inhaber in naher Zukunft in den Ruhestand ging, völlig unabhängig davon, ob die so gestutzte Fakultät noch in der Lage war, ein Fach in seiner ganzen Vielfalt irgendwie abzudecken. Da fehlt zu einer Kürzungswelle per Schlagwortsuche eigentlich nur noch der ideologische Furor.
Als ich diese Rede schrieb, kam die neueste Meldung aus dem Wissenschaftsministerium in Düsseldorf herein. Die Grundfinanzierung der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen soll um 120 Millionen oder 2,3 Prozent gekürzt werden. Zur Begründung verwies das Ministerium auf die sinkenden Studierendenzahlen, seit 2019 sind es minus 11,3 Prozent und damit 0,5 Prozentpunkte mehr als die Kürzungen der Mittel im Hochschulbereich im gleichen Zeitraum – ein schöner Beleg, wie man beim Spielen mit Zahlen das Gespür verlieren kann, dass es eine Realität hinter den Zahlen gibt. Dabei geht es aus meiner Sicht nicht nur um die direkten Folgen von weniger Geld, sondern auch um die Folgen für die Innovationsfreude:
Welche Fakultät hat in Zeiten ständiger Streichungen noch den Mut, Stellen in neuen, in Entwicklung befindlichen Forschungsfeldern zu schaffen? Der naheliegende Impuls ist, in solchen Situationen auf Nummer sicher zu gehen und sich aufs „Kerngeschäft“ zurückzuziehen oder das, was man dafür hält. Aber wo landet man mit einer nForschungseinrichtung, wenn ihr die Lust auf Neues ausgetrieben wird?
Es wäre nun ein Leichtes, an diesem Punkt noch etwas länger zu verweilen. Es fehlt in der heutigen Wissenschaft nicht an Hiobs-Geschichten über fehlende Mittel, fehlende Unterstützung, fehlenden Respekt und über all die unerfreulichen Folgen, die das für Forscherinnen und Forscher hat, und es ist gut, dass diese Geschichten zirkulieren.
Wissenschaft lebt von der Öffentlichkeit, auch dort, wo es um Grenzverletzungen geht. Der Mensch der Wissenschaft lebt vom Glauben an die Macht des Wortes und die Macht der Erkenntnis, und so nährt ihn (oder sie) die Hoffnung, dass das rechte Wort zur rechten Zeit die Erkenntnis bringen möge, dass man Wissenschaft im 21. Jahrhundert tatsächlich braucht.
Mir scheint auch, dass die aktuelle Krise des Wissenschaftlichen das Bewusstsein geschärft hat, dass es bei aller fachlichen Vielfalt tatsächlich nur ein Projekt der Wissenschaft gibt. Man redet in jüngster Zeit nach meinem Eindruck weniger über die „zwei Kulturen“ im Sinne C. P. Snow. Die Unterschiede zwischen den Fächern gibt es natürlich weiterhin, ein Physiker denkt anders als ein Historiker, ein Maschinenbauer anders als ein Theologe und so weiter, der Alltag der Wissenschaft sieht je nach Fach völlig anders aus.
Aber es gibt neben dem Bewusstsein für die Vielfalt eine geschärfte Sensibilität, dass wir letztlich alle in einem Boot sitzen, wenn es um das Vertrauen in die wissenschaftliche Forschung geht. Bislang hat jedenfalls kein Forscher von Rang erwogen, die Krise der Wissenschaft so anzugehen, wie es etwa ein Unternehmensberater à la McKinsey tun würde: einfach die toxischen Bestandteile identifizieren und abstoßen und mit dem gesunden Rest weitermachen. Respekt vor der Wissenschaft – den gibt es nur als Ganzes.
Aber bei aller Notwendigkeit, der neuen Wissenschaftsskepsis entschlossen entgegenzutreten: Mir scheint, wir tun uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keinen Gefallen, wenn wir uns allzu einseitig auf den Kampf um die Rahmenbedingungen kaprizieren. So wichtig die Freiheit der Wissenschaft auch ist – sie allein ist ja noch längst kein Garant, dass tatsächlich gute Wissenschaft betrieben wird. Dazu braucht es das Nachdenken über Forschungsfragen und Methoden, die Umsicht in der Wahl der Themen, nund es braucht das, was man einen inneren Kompass nennen könnte: ein Gespür für die Verantwortung des Wissenschaftlers in seiner Zeit.
Gute Wissenschaft lebt nicht nur von der fachinternen Nabelschau, sondern auch von der ständigen Reflektion über die eigene Rolle, über das, was der Wissenschaftler seinen Mitmenschen bieten kann: politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, ökologisch, kulturell. Mir scheint, wir sollten in diesen Zeiten nmehr über die individuelle Verantwortung des Wissenschaftlers reden, über den inneren Kompass, der uns Orientierung vermittelt in unübersichtlichen Zeiten; und eine solche Diskussion können wir auch deshalb mit einem gewissen Selbstbewusstsein führen, weil die Frage nach dem inneren Kompass ja überhaupt nicht neu ist.
Was ich deshalb im Rest meiner verbliebenen Redezeit versuchen möchte, ist Folgendes: Ich möchte die 100 Jahre, in denen die Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften existiert hat, einmal darauf abklopfen, wie sich die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers in dieser Zeit immer wieder neu gestellt hat. Ein solcher Schnelldurchlauf durch ein Jahrhundert ist gewiss nicht ohne Risiken, er widerstrebt auch ein wenig dem Instinkt des Fachhistorikers, dem eine gewisse Detailtreue nicht unlieb ist. Mir scheint jedoch, dass wir zu einem besseren Verständnis von Wissenschaft im 21. Jahrhundert kommen können, wenn wir uns diese Geschichte vergegenwärtigen, denn diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht quicklebendig. Der innere Kompass des Wissenschaftlers ist auch von dem geprägt, was sich da in 100 Jahren angesammelt hat: Erwartungen, Hoffnungen,n Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, wenn wir unserer Verantwortung als Forscher gerecht werden wollen.
Als diese Gesellschaft 1925 gegründet wurde, da gab es eine provisorisch stabilisierte Weimarer Republik, und ich muss wohl nicht lange darüber reden, was wissenschaftliche Verantwortung in dieser Zeit bedeutete. Sie alle kennen den Satz von der „Demokratie ohne Demokraten“, der seit Jahrzehnten immer wieder neu ins Poesiealbum des guten freiheitlich-demokratischen Staatsbürgers geschrieben wird, und Sie wissen, wie sich die Wissenschaft in der Weimarer Zeit positionierte. Es geht um nichts Geringeres als ein Generationenversagen: Hypernationalismus, Antisemitismus, Rassismus und völkisches Denken ließen die Weltgeltung, die deutsche Wissenschaft vor 1914 genossen hatte, ziemlich schnell verblassen.
Gerne erinnern wir uns an die aufrechten Liberalen, die Sozialdemokraten, die Juden, die das intellektuelle Leben der Weimarer Zeit prägten und dann 1933 aus den Universitäten vertrieben wurden, aber das war eben nicht die Mehrheit. Das Gros der deutschen Wissenschaft arrangierte sich 1933 mit den neuen Machthabern und zahlte dafür einen bitteren Preis. Seit der NS-Zeit weiß jeder deutsche Wissenschaftler, dass wissenschaftliche Freiheit nicht ohne Demokratie und Menschenrechte zu denken ist. Auch in der Wissenschaft gilt nach 1945 ein ebenso schlichtes wie eindringliches Memento: nie wieder!
Aus der NS-Erfahrung ergibt sich aber noch ein anderer Impetus, über den wir leider öffentlich viel zu wenig reden. Es gab unter Studierenden bereits Jahre vor der Machtergreifung eine geradezu stürmische Begeisterung für den Nationalsozialismus, und dahinter steckte mehr als ideologische Verblendung. In der NS-Zeit rückten viele dieser Studierenden ziemlich schnell in Führungspositionen und verfügten über Möglichkeiten und Ressourcen, die sie unter anderen Umständen wohl kaum erlangt hätten, und das trug nicht unwesentlich zur ungeheuren Dynamik der NS-Herrschaft bei.
Freie Bahn dem Tüchtigen – das war für viele Universitätsabsolventen eine berauschende Erfahrung, die vielleicht mehr zur Loyalität beitrug als ideologische Kongruenzen. Wohin das führte, haben nach meinem Eindruck vor allem die Aufarbeitungsprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft gezeigt. Lange hatte die deutsche Universität den Mythos gepflegt, die nationalsozialistische Herausforderung habe vor allem aus
Pseudowissenschaften wie der „Deutschen Physik“ bestanden, aber die Trennung von etablierter Wissenschaft, die im Kern sauber geblieben war, und nationalsozialistischen Fanatikern fiel in sich zusammen, als man schaute, was Wissenschaftler in der NS-Zeit eigentlich taten. Neben die Frage „wer war ein Nazi“ rückte eine zweite Frage: Wer hat vom Nationalsozialismus profitiert? Da wurden dann plötzlich Wissenschaftler als Komplizen erkennbar, die in ideologischer Hinsicht völlig unverdächtig waren.
Der Nationalsozialismus lief für Wissenschaftler auch auf neue Chancen hinaus: neue Aufgaben, neue Arbeitsfelder, neue Ressourcen. Das gilt insbesondere für das weite Feld der angewandten Wissenschaften, ein Feld, das hier in der Pfalz in seinen Dimensionen offenkundig ist. Die größte wissenschaftliche Einrichtung dieser Region war wohl stets die BASF. Aber auch in vermeintlich „reinen“ Wissenschaften gab es neue Möglichkeiten, etwa in der Ostforschung: Da arbeiteten Forscher aus ganz verschiedenen Disziplinen gemeinsam an der wissenschaftlich fundierten Neuplanung des europäischen Ostens, ohne groß darüber nachzudenken, dass alle diese Planungen nur auf der Grundlage eines Genozids zu realisieren waren. Darüber wurde nach 1945 viel zu lange geschwiegen, und wir wissen heute, warum. Viele von denen, die sich damals mit Ostforschung die Hände schmutzig gemacht haben, machten nach 1945 weiter Karriere und wurden zum Teil der bundesdeutschen Elite der Wissenschaft.
Hier wird eine Grundfrage erkennbar, über die jeder verantwortliche Wissenschaftler immer wieder neu nachdenken sollte: nämlich die Frage nach dem Verhältnis des Leistungsethos zu den Spielregeln des demokratischen Rechtsstaats. Wissenschaft lebt vom Leistungsprinzip, und wir müssen es als Wissenschaftler auch deshalb immer wieder neu betonen, weil sich so viel unserer Arbeit im Verborgenen abspielt. Es ist nicht unmittelbar einsehbar, was ein Naturwissenschaftler tagein tagaus im Labor so treibt oder ein Geisteswissenschaftler am Schreibtisch, aber solide Ergebnisse gibt es nur, wenn Menschen bereit sind, hier über Jahre hinweg die Kärrnerarbeit zu machen. Und wer so schuftet und – um mal etwas pathetisch zu werden – viele Jahre unendlich kostbarer Lebenszeit der Wissenschaft widmet, dem fällt es nicht leicht zu akzeptieren, wenn eine Gesellschaft dem emsigen Arbeiten Grenzen setzt.
Das wird heute zum Beispiel greifbar, wenn Sie mal mit einem Forscher sprechen, der Tierversuche macht. Es nervt solche Wissenschaftler unheimlich, wenn Versuche auf die lange Bank geschoben werden, weil erst mal die Mühlen des Parlamentarismus die rechtlichen Grundlagen klären müssen. Leistung zu liefern, Menschen zur Leistungsbereitschaft zu ermuntern, ohne sich an der Seele einer offenen Gesellschaft zu versündigen – das bleibt eine Herausforderung im 21. Jahrhundert, die wir auch vor dem Hintergrund der NS-Erfahrung diskutieren sollten. Da kann man sehen, wie schnell man in die rote Zone kommen kann, wenn man die Frage nicht mehr stellt. Die monströsen Planungen der NS-Zeit sind und bleiben ein tristes Monument expertokratischer Verantwortungslosigkeit, aber inzwischen schauen wir noch aus einem zweiten Grund mit begründeter Skepsis auf solche Unternehmungen. Die Vorstellung, man könnte solche Großprojekte auf der Grundlage von Expertenwissen souverän durchplanen – das ist auch eine Vision, deren Strahlkraft seit längerer Zeit verblasst ist.
Die entscheidende Wasserscheide sind da die 1970er Jahre, als planerische Utopien reihenweise zerstoben. Auch da gibt es in der Pfalz einen markanten Erinnerungsort, nämlich in der Verbandsgemeinde Jockgrim im Landkreis Germersheim, genauer gesagt in der Ortsgemeinde Neupotz. Ich bin mir nicht sicher, wie vielen hier im Raum noch bekannt ist, dass Neupotz einmal als Standort eines Atomkraftwerks vorgesehen war. Bei der Vorbereitung auf diesen Vortrag musste ich jedenfalls feststellen, dass es zum AKW Neupotz noch nicht einmal einen Eintrag auf Wikipedia gibt. Das Projekt wird immerhin im Wikipedia-Beitrag über die Ortsgemeinde Neupotz erwähnt, und zwar mit dem Hinweis, dass das Projekt „nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl […] endgültig verworfen“ wurde – was ein schöner Beleg ist, warum Sie Wikipedia immer mit kritischem Gestus nutzen sollten. Denn tatsächlich wurde das Atomkraftwerk Neupotz nicht wegen Tschernobyl kassiert, sondern einfach deshalb, weil man es nicht mehr brauchte. Neupotz war eines von zahlreichen nuklearen Projekten, die in den frühen siebziger Jahren auf den Weg gebracht wurden, als die Angst vor einem kommenden Strommangel grassierte.
Kluge wissenschaftliche Experten sagten den Energiekonzernen, dass sich der Strombedarf innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln würde und dass man deshalb im großen Stil Kraftwerke bauen müsse. Was dann passierte, hat den bundesdeutschen Glauben an Expertenwissen zutiefst erschüttert. Der Strombedarf stieg weitaus langsamer als gedacht, weil die Wirtschaft stagnierte und Ingenieure verstärkt auf effizientere Nutzung von Energie achteten, die Energieprognosen wurden Schritt für Schritt zurechtgestutzt und der Geltungsanspruch der einschlägigen Experten gleich mit. Die Zeiten, in denen Energieprognosen als säkulare Form des Prophetentums gelten konnten, sind seit den siebziger Jahren vorbei. Die Manager in den Stromkonzernen schauten auf die neuen Zahlen und ihre Planungen, sie verschoben Bauvorhaben wie Neupotz um ein paar Jahre und
sagten die Projekte dann seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre nach und nach ab. Um 1990 sorgten sich Energieexperten nicht mehr um einen drohenden Strommangel, sondern vielmehr um die Überkapazitäten. Als 1989 die letzten bundesdeutschen Atomkraftwerke ans Netz gingen, gab es mehr Kraftwerke als nötig.
Inzwischen ist es ein Axiom der Zeitgeschichte, dass die Planungseuphorie der sechziger Jahre in eine verbreitete Planungsskepsis umschlug, aber das ist eigentlich nur ein Teil der Geschichte. Die planenden Experten verschwanden schließlich nicht von der Bühne. Energieprognosen sind weiterhin ein wissenschaftliches Geschäft, und Planungen gibt es weiterhin – nur eben nicht mehr mit dem Anspruch der Allwissenheit, sondern mit einer gewissen intellektuellen Demut und im Wissen, das es schon einmal ganz anders gekommen ist.
Wissensbasierte Planung ist seither ein Balanceakt, und die Verantwortung des Wissenschaftlers dreht sich hier um die Frage, wo die Grenzen des eigenen Wissens sind und wo die bloße Spekulation oder das Wunschdenken beginnt.
Ich bin in meinem Schnelldurchlauf ein wenig vorgeprescht, denn vor den Ernüchterungen der siebziger Jahre liegt die Zeit der Bildungsexpansion und die Erfahrung von 1968.Vermutlich kennen die meisten hier Georg Pichts Schlagwort von der Bildungskatastrophe und die massiven Investitionen im Bildungsbereich in den sechziger Jahren. Mir selbst stehen diese Investitionen jeden Tag in einem sehr konkreten Sinn vor Augen, weil die Ruhr-Universität Bochum ein frühes Monument dieser Entwicklung ist, wo der Glauben an die Macht der Wissenschaft in einem sehr buchstäblichen Sinne in Beton gegossen wurde. Diese Bildungsexpansion war gewiss keine eingleisige Entwicklung.
Als Umwelthistoriker weiß ich, dass just in dieser Zeit auch einige Forschungstraditionen gekappt wurden, nicht zuletzt solche von ökologischer Bedeutung, einfach weil diese Traditionen quer zum Wachstumsfetischismus der Wirtschaftswunderjahre standen. Zur Wissenschaftsgeschichte der Pfalz gehört auch die Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Neustadt an der Weinstraße, die über Jahrzehnte Vogelschutz auf wissenschaftlicher Grundlage betrieb – und zwar Vogelschutz nicht im heutigen Sinne als Arten- und Biotopschutz, sondern als landwirtschaftlichen Vogelschutz.
Seit dem späten 19. Jahrhundert gab es einen Strang des Vogelschutzes, der sich auf die „nützlichen Vögel“ konzentrierte, also auf jene Vögel, die Insekten vertilgten, die erhebliche Probleme in Land- und Forstwirtschaft produzierten. Ein wichtiges Zentrum für diese Art von Vogelschutz waren die Wein- und Obstbauern rund um Neustadt. Das lief – um hier eine lange Geschichte kurz zusammenzufassen – über ein halbes Jahrhundert ziemlich gut, es gab ein paar spektakuläre Erfolge, aber dann begann in der Nachkriegszeit das große Spritzen. Der chemische Pflanzenschutz übernahm flächendeckend, und der landwirtschaftliche Vogelschutz ging sang- und klanglos unter. An solche Geschichten sollte man sich auch erinnern, wenn wir von der Bildungsexpansion sprechen. Das war eben auch die Konditionierung einer Wissenschaftswelt gemäß den Bedürfnissen
einer Konsumgesellschaft im Wachstumswahn.
Für die Menschen der Wirtschaftswunderjahre standen die neuen Möglichkeiten im Mittelpunkt. Es gab mehr Studienplätze, mehr Stellen für Forscherinnen und Forscher und nicht zuletzt die Chance, viele Fächer auf eine breitere Grundlage zu stellen. Wenn ich nur einmal auf mein eigenes Fach schaue: Wir haben heute eine bunte, vielfältige Geschichtswissenschaft, aber die entstand doch ziemlich oft an den neuen Universitäten der 60er und 70er Jahre. Dort gab es Raum für neue Professuren: für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Technikgeschichte, außereuropäische Geschichte, etwas später dann auch für Frauengeschichte, Kulturgeschichte, Umweltgeschichte und so weiter.
Als Umwelthistoriker weiß man allerdings, dass sich mit Wachstum immer auch neue Probleme verbanden, und mir scheinen mit Blick auf die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers vor allem drei Punkte von Interesse – allesamt Punkte, die zu zentralen Herausforderungen für Wissenschaft im 21. Jahrhundert hinführen.
Zum ersten: Mit der Ausdifferenzierung von disziplinären Feldern verband sich auch eine spürbare Zersplitterung. Die skizzierte Entwicklung in der Geschichtswissenschaft gab es schließlich auch anderswo. Die Soziologie spaltete sich zum Beispiel auf in Arbeitssoziologie, Techniksoziologie, Bewegungsforschung und so weiter, und immer mehr fand die fachliche Kommunikation innerhalb subdisziplinärer Silos statt, die sich kaum noch füreinander interessierten. Immer mehr verblasste die Frage nach der Einheit der Geschichte, der Soziologie, der Biologie, der Elektrotechnik, und wir merken erst jetzt, wo Wissenschaft unter Druck ist, wie wichtig eine gute Antwort auf diese Frage ist.
Zum zweiten: Viele der neuen Forschungsfelder entstanden im Zeichen einer spürbaren Sympathie für das jeweilige Untersuchungsobjekt, insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Viele Bewegungsforscher waren zugleich Mitglieder oder Aktive in einschlägigen Verbänden, viele Arbeiterhistoriker waren zugleich bei den Jusos – und wenn man da nicht aufpasste, dann verschwammen die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Analyse und Aktivismus. Gewiss war die Kritik an dieser Entwicklung, die oft von traditionelleren Professoren kam, ein wenig scheinheilig.
Wenn Sie mal in die ältere Politikgeschichte oder Ideengeschichte schauen, dann werden Sie zweifellos finden, dass deren Autoren als Advokaten einer porentiefen Neutralität gänzlich ungeeignet waren. Aber damit ist das Thema ja noch längst nicht erledigt. Die Frage, wieviel Sympathie die wissenschaftliche Behandlung eines Themas erträgt, ist für mich eine Grundfrage der
Wissenschaft im 21. Jahrhundert und zugleich eine Frage, die ganz besonders nach einem inneren Kompass verlangt.
Zum dritten: Seit der Bildungsexpansion sind die Zeiten vorbei, in denen man mit Helmut Schelsky „Einsamkeit und Freiheit“ als Wesenskern der deutschen Universität ausmachen konnte. Es wurde gesellig in Fachbereichen und Instituten, und es kamen nicht nur viel mehr Menschen, sondern auch Menschen, die anders aussahen und anders lebten als die deutsche Männerriege, die bis in die siebziger Jahre das Gros des akademischen Personals stellte. Es kamen Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Homosexuelle, Agnostiker – die Universität wurde bunt, sie lernte aber auch, dass es immer einen Menschen hinter dem Wissenschaftler gab.
Eigentlich funktioniert Wissenschaft ja nur dann, wenn man sie als Gemeinschaft von Gleichen betrachtet, wo das bessere Argument den Ausschlag gibt. Das stand jedoch in einer wachsenden Spannung zu einer Wissenschaftswelt, in der sich Forscherinnen und Forscher teils über Jahrzehnte von einer befristeten Stelle zur nächsten hangelten. Haben Menschen noch Mut zum Risiko, wenn sie in den Abgrund der Arbeitslosigkeit schauen? Sind Menschen dann noch bereit zum Widerspruch, insbesondere gegenüber Professoren, denen deutsche Universitäten bekanntlich eine geradezu obszöne Machtfülle einräumen?
Wenn Sie wie ich aus der angelsächsischen Welt nach Deutschland zurückkehren, dann erschrecken Sie schon ein wenig über die Privilegien des deutschen Ordinarius, und es ist fatal, dass das Nachdenken über diese Machtfülle für deutsche Professoren letztlich ein Privatvergnügen ist. Bei mir sah die Reaktion so aus, dass ich einen kleinen Aufsatz darüber schrieb, wie ich junge Wissenschaftler fördern und ermuntern möchte mit ihren eigenen Anliegen, auch und gerade dann, wenn sie quer zu meinen eigenen Interessen liegen.
Der Artikel steht seither auf dem L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, und jeder neue Mitarbeiter bekommt von mir einen Link zu diesem Aufsatz und den Hinweis, dass sie mich jederzeit an diesen Aufsatz erinnern dürfen. Was das bewirkt, weiß ich in ein paar Jahren, aber ich finde, dass es solche Stellungnahmen braucht in einer Wissenschaftswelt, in der viele Menschen viele Jahre in beruflicher Unsicherheit leben. Da brauchen wir die Ermunterung zur freimütigen sachlichen Kritik – gerade in einer Wissenschaftswelt, in der es doch manchmal arg in Richtung Personenkult geht. Vor ein paar Tagen gab ich die erste Fassung dieser Rede meiner Frau zur Lektüre. Ihr Kommentar:
Findest Du nicht, lieber Frank, dass du ziemlich viel jammerst? Wir Wissenschaftler reden immer gerne über die Probleme in unserer Arbeit: die fehlenden Mittel, die Desiderate der Forschung, die maroden Bauten aus den sechziger Jahren. Wir klagen über die neue Expertenfeindschaft und über eine reformierende Klasse in der Wissenschaftsbürokratie, die uns immer wieder mit realitätsfernen Initiativen konfrontiert – aber wann reden wir schon mal über das, was uns antreibt: die Magie der Wissenschaft, die Entdeckerlust, die innere Freiheit, das Glück des Verstehens und die Freude, wenn jemand die eigenen Arbeiten mit Gewinn liest?
Es ist nicht leicht, über die Magie der Wissenschaft zu reden, ohne sogleich im Kitsch zu landen oder in der Selbstbeweihräucherung, zumal es ja um mehr geht als um eine berufliche Tätigkeit. Wissenschaft ist eine Lebensform, eine innere Berufung, ein Bekenntnis zum Streben nach Wissen mit Augenmaß und intellektueller Demut. All das leben wir in dem Wissen, dass es viele Menschen gibt, die bei solchen Worten die Augen verdrehen: mein Gott, wie pathetisch!
Aber vielleicht ist das die beste Antwort auf die aktuelle Krise der Wissenschaft. Wir können und dürfen nicht übersehen, dass Wissenschaft bedroht ist, von mehreren Seiten, und wir dürfen nicht schweigen im Angesicht von Ignoranz, auch dann nicht, wenn diese Ignoranz von Menschen mit Geld und Macht kommt. Aber wir sollten auch über das reden, was uns antreibt in unseren Laboren, am Schreibtisch, im Archiv oder wo auch immer der Alltag der Forschung stattfindet: die Freude am Lernen, am Austausch mit anderen klugen Menschen, das Vergnügen an fachlichen Kompetenzen, die einen Dinge sehen lassen, die andere nicht erkennen – und das Privileg, mit einem Maß von Freiheit und Verantwortung zu arbeiten, das man anderswo vergeblich sucht.
Es ist ein Privileg, in der Wissenschaft leben zu dürfen, ein Privileg, das wir uns immer wieder neu durch Leistung verdienen müssen – aber eben auch ein Privileg, über das man sich freuen kann. Vielleicht sollten wir mehr reden über diese Freude und mehr darüber reden, dass diese Freude jedem offensteht, der sich die Mühe machen will, wissenschaftlich zu denken und zu reden.
Und vielleicht sollten wir mehr über die Freude reden, dass es immer noch Institutionen wie die Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gibt, die diese Suche nach dem besseren Wissen ermöglichen. In diesem Sinne: alles Gute für die nächsten 100 Jahre.
Für alle drei Texte: Es gilt das gesprochene Wort. - Bernhard Bumb
