REISEN

REISEN: Willkommen in der Wildnis – Kanadas Rocky Mountains

Von Michael Stephan

Bergsteigen in den Rocky Mountains, das ist gleichbedeutend mit Abenteuer und Abgeschiedenheit. Tausende Kilometer Trails und einsame Gipfel, endlose Wälder und wilde Tiere, das verspricht Naturerlebnis pur.

Es sind Szenerien, die uns immer wieder ungläubig staunen lassen: Wir sehen Bergseen, die in fantastischen Smaragdgrün leuchten, weiße Gletscher und wildgezackte Dreitausender, die in den blauen kanadischen Himmel ragen. Wir gleiten über endlose Highways und mit jeder Meile verfallen wir ein bisschen mehr dem Zauber dieses Landes.

Alle Wege führen nach Banff

Für gewöhnlich beginnen Wanderer und Bergsteiger aus Europa eine Reise durch die kanadischen Rocky Mountains auf dem internationalen Flughafen von Calgary. Hier mieten sie zunächst ein Auto oder einen Camper und nehmen den Highway 1 nach Westen Richtung Banff – auf das Zackenprofil der Bergketten am Horizont zu. Einige Tage in Banff helfen den Jet-Lag zu vertreiben und die vielen Tageswanderungen in der Region – zu Cascade Amphitheatre, dem Lake Minnewanka oder den drei Vermillion Lakes:; meine Lieblingstour-der Weg vom Lake Minnewanka über den Two Jack Lakeside und den Johnson Lake. Hier begegneten wir einen Grizzly-welch ein Riese auf vier Pfoten war da unterwegs. Ein zufällig vorbei gekommenen Nationalpark Ranger warnte uns vor dem Tier – er sei auf „Brautsuche“ und daher völlig unberechenbar. Also Routenänderung und dem Grizzly seine Ruhe lassen…

Lake Louise – der See und die Gletscher

Alle Welt hat ihn schon auf Fotos bewundert, doch jeder will den See und seine vergletscherte Bergkulisse mit eigenen Augen gesehen haben. Wer im Frühling zum Lake Luise kommt, findet die Luft erfüllt vom Duft des austreibenden Fichtenwaldes und dem Rauschen der Schmelzwässer in den zahllosen Bächen. Darüber, noch im Winterkleid, zeigen sich die hohen Gipfel von ihrer besten Seite. Rund um den See können Wanderer zwischen einer Vielzahl aufregender Routen wählen. Für den Anfang zu empfehlen: der kurze Aufstieg zur lieblichen Wiese des Saddleback mit spektakulärer Aussicht über das Paradise Valley hinweg auf die Nordwand des Mount Temple.

Icefields Parkway

Hinter Lake Luise beginnt auch der Icefields Parkway, die berühmte Gletscherstraße der kanadischen Rockies, die 240 Panorama-Kilometer über hohe Pässe, durch dichte Wälder und Gletschertäler tief im Herzen des Felsengebirges führt. Am Wegesrand sind oft Begegnungen mit der heimischen Tierwelt möglich: Hier äst ein Wapiti Hirsch, dort klettern Bighorn-Schafe am Hang entlang und ein Schwarzbär-Weibchen mit drei Jungen ließ sich von uns nicht stören. Der Blick der Bärin ging mehr zu ihren drei Jungen als zu uns – in etwa fünf Meter Abstand konnten wir uns nicht sattsehen an diesem Schauspiel. Herbert Lake, Hector Lake, Bowe Lake – wie Perlen reihen sich die funkelnden, tiefgrünen Bergseen entlang der Straße, und schimmernde Eiskaskaden stürzen von den steilen Felswänden herab. Dann steigt der Highway in weiten Schwüngen hinauf bis zum 2088 Meter hohen Bow Passe. Auf der Passhöhe wartet ein traumhafter Blick über das Tal des Mistaya River, während aus der Tiefe das lichtgrüne auge des Peyto Lake strahlt. Er scheint ganz unwirklich, aber die Farbe des Sees ist echt.

Jasper – die stille Alternative

Jasper, von vielen Touristen in einem Atemzug mit Banff genannt, unterscheidet sich deutlich von dem quirligen Zentrum Banff. Deutlich kleiner und viel ruhiger erscheint uns Jasper. Einige lohnende Tagestouren von Jasper, beispielsweise zu den grünen Wiesen, über denen sich die furchterregende Nordwand des Mount Edith Cavell aufbaut. Hier lohnt es sich, ein oder zwei Zusatztage einzuplanen-zu einer Tour im Maligne Canyon oder für eine Bootsfahrt auf dem Maligne Lake. Spirit Island ist das Ziel – hier ist es still und man kann die urgewaltige, wilde Natur der Berge Kanadas besonders eindrucksvoll erleben.

Mount Robson - Yoho Nationalpark und Kootenay Nationalpark

Am Mount Robson, den mit 3.954 Metern höchsten Gipfel der kanadischen Rockys, hatten wir nicht das beste Wetter. Es passiert häufig, dass sich zumindest die Spitze des Bergs in den Wolken versteckt - im Durchschnitt sieht man den Gipfel nur jeden dritten Tag – und wir waren wohl am zweiten Tag hier. Weiter geht die Tour in den Yoho Nationalpark. Hier liegt der fast in fast unnatürlichen Smaragdgrün leuchtende Emeralde Lake. Ein Spaziergang um den See – einfach Natur pur. Vorbei an der Natural Bridge – immer dem Kicking Horse River folgend – fahren wir mit Stop an den Wapta Falls über Golden nach Radium Hot Springs und von dort hinein in den Kootenay Nationalpark. Schwarzbären und Grizzlys stehen am Wegesrand – wir sind fasziniert, die Bären nur daran interessiert, goldgelbe Löwenzahn-Blüten ungestört zu fressen.

Viele Kilometer sind wir gefahren, viele Kilometer gelaufen – doch wen interessieren schon solche Zahlenspiele angesichts einer Natur, die auch ohne Fakten beeindruckt? Das einzige, was man über die Rockies wissen sollte, ist, dass man sein Leben lang zurückkehren kann – der Vorrat an Abenteuern wird nie ausgehen. Wir genießen einige Tage endloser Freiheit in den Rockys, dem wilden, weiten Land in seiner unbeschreiblichen Schönheit. Es ist wie ein Bär: gewaltig, groß und schön.

Informationen

Anreise: Direktflüge am besten nach Calgary, von wo aus man die Nationalparks per Mietwagen erkunden kann.

Beste Zeit: Die meisten Touren lassen sich von Anfang Juli bis Anfang Oktober begehen. Auch im Juni sind erste Bergtouren möglich.

Einreise: Keine Visumpflicht bei der Einreise nach Kanada für Besucher mit einem noch mindestens ein halbes Jahr gültigen europäischen Reisepass – auch nicht, wenn man über die USA einreist.

Elektrizität: Das kanadische Stromnetz arbeitet mit 110 Volt bei einer Phasenzahl von 60 Hertz. Adapter zum Umschalten der Spannung und für die andere Steckergröße mitnehmen.

Notruf: Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen: Rufnummer 911

Gebühren: Der Zugang zu den Nationalparks ist gebührenpflichtig. Die Jahresgebühr für alle Nationalparks in den Rockys beträgt derzeit 136.50 Kanadische Dollar (ca. 95 Euro).

Permits: Wer ins Backcounty aufbrechen und über Nacht bleiben möchte, muss sich in den jeweiligen Parks ein Permit besorgen. Meist wird darauf vermerkt, an welchem Tag man auf welchem Zeltplatz übernachtet. Wildes Zelten ist nur in wenigen Gebieten der Parks erlaubt.

Gefahren: Die Rockies sind Bärenland. Es ist jederzeit möglich, Meister Petz über den Weg zu laufen. Deshalb sollte man auf Touren ins Backcountry einige einfache Regeln beachten: Unterwegs ab und zu Lärm machen, besonders in unübersichtlichen Gelände. Lebensmittel und alles mit Geruch (Zahnpasta,Seife) in bärensicheren Containern verstauen bzw. in den Camps in dafür vorgesehene Schränke verschließen. Bärenspray mitführen und griffbereit haben. Vorher ausprobieren (Windrichtung beachten). Bei Bärensichtung immer den Rückzug antreten.

Literatur: Baedeker Reiseführer „Kanada Westen“ und für den Rucksack: Marco Polo „Kanada West“.