KARATE

KARATE: Lehrgang mit Schahrzad Mansouri und Sigi Hartl

120 Karateka sind dem Ruf des 1. Shotokan Karate Vereins gefolgt und nahmen am vergangene Samstag am Lehrgang mit Schahrzad Mansouri und Sigi Hartl teil. Über 30 von ihnen legten im Anschluss an die Trainingseinheiten eine Prüfung ab. Unter ihnen auch Jörg Schreiber – mit seinen 70 Jahren der älteste Prüfling.

Stimmengewirr erfüllt die Sporthalle der Siedlungsschule in Speyer Nord. Small Talk übers Wetter – alle sind froh, dass es nicht ganz so heiß ist – vermischt sich mit leicht sorgenvollem Austausch über die nachher anstehenden Prüfungen. Es wird hitzig diskutiert und einfühlsam beruhigt, freudig begrüßt und locker geplaudert.

„Füße zusammen!“ Eine Stimme, voll und gebieterisch, erhebt sich über das Getuschel. Plötzlich wird es still. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Schahrzad Mansouri trägt den fünften Dan – das sieht man ihrem Gürtel auch an, dessen schwarze Farbe sich an vielen Stellen schon verabschiedet hat. Sie ist neunfache Deutsche Meisterin in Kata und war langjährige Bundesjugendtrainerin. Ob es die Titel sind oder aber ihre unbestreitbare Ausstrahlung – aus dem heillosen Durcheinander aus verschiedenfarbigen Gürteln formen sich im Nu zwei akkurate Reihen – eine reicht bei der Masse der Lehrgangteilnehmer nicht aus. Das Angrüßritual findet in völliger Ruhe statt.

Zum Aufwärmen übergibt Mansouri an Sigi Hartl, ebenfalls Träger des fünften Dan. Zusammen geben sie regelmäßig Lehrgänge und bieten sogar Karate-Urlaube an. 

Hartl hat wie Mansouri beeindruckende Erfolge zu verzeichnen, ist achtfacher Deutscher Meister in Kata und zweifacher Shotokan World-Cup Sieger Kata. Er wirkt drahtig, kein Gramm Fett zu viel, das Sixpack lässt sich unter dem schweren Stoff des Anzugs nur erahnen. Vom Grundschulkind bis zum junggebliebenen Senior – Hartl bringt es fertig sein Aufwärmtraining so zu gestalten, dass jeder der über 100 Karateka am Ball bleibt. Wie besessen boxt die eine Hälfte auf die geöffneten Hände des Gegenübers, rennt um den Partner und wiederholt das Spiel. Anschließend wird gewechselt. Nach 15 Minuten sind alle mehr als warm. Die Gruppe wird geteilt: Hartl übernimmt die Unter- und Mittelstufe, Mansouri die Oberstufe, also Braun- und Schwarzgurtträger.

Für die steht jetzt die Kata Bassai Sho auf dem Plan. „Bassai“ heißt übersetzt in etwa „Erstürme die Festung“. „Sho“ steht für „klein“, also die kurze Variante der Kata. 

Mansouri tritt zwischen ihre heutigen Schüler. Um die eher kleine Frau mit der riesigen Ausstrahlung bildet sich ein Kreis. Geschmeidig wie eine Katze, im nächsten Moment schnell wie ein Gepard zeigt sie die Anfangssequenz der Kata. Es gehört nicht einmal viel Fantasie dazu sich den Stock in ihren Händen vorzustellen, der die imaginären Gegner im Bruchteil einer Sekunde k.o. schlagen würde. Jeder Schritt, jeder Schlag endet mit einem akustischen Peitschenhieb. Beim sogenannten Kime entlädt sich die gesamte Energie der Bewegung in einem Punkt, erklärt Mansouri. Das Geräusch entsteht dabei durch ein stoßartiges Ausatmen, bei dem sich alle Muskeln kurz an- und dann wieder entspannen.

Dass Karate aber nicht nur Showkampf ist, stellt Mansouri im Anschluss unter Beweis: Vor und hinter sich positioniert sie jeweils eine Lehrgangsteilnehmerin. Auf Kommando kommt auch schon der erste Fuß angeflogen. Mit scheinbarer Leichtigkeit lenkt Mansouri den Tritt von ihrem Körper weg, wehrt den Schlag zum Kopf ab und setzt ihre Trainingspartnerin mit einem angedeuteten Schlag außer Gefecht. Blitzschnell wendet sie sich zu der anderen Angreiferin um, weicht dem Fausthieb aus, greift den Arm, hebelt ihre Gegnerin aus und lässt sie in einer kontrollierten, fließenden Bewegung zu Boden sinken. 

Jetzt sind die Teilnehmer dran, doch was bei Mansouri so elegant aussah, wirkt hier zumindest anfangs noch ein bisschen konfus. Statt geschmeidiges zu Boden gleiten, kugelt der eine oder andere doch eher unsanft durch die Halle. Zum Ende der Trainingseinheit – und um bei der Bildhaftigkeit der „Bassai Sho“ zu bleiben – hat jeder der Karateka die imaginäre Festung und ihre Verteidiger bezwungen.

Nach drei Trainingseinheiten steht jedoch die größte Herausforderung des Tages an: Es gilt die eigene Nervosität zu bezwingen. Angesichts der Prüfungssituation zittern sogar gestandene Männer wie Espenlaub. Letzten Ende schaffen 20 Kyu- und 11 Dan-Prüflingen das, worauf Sie Wochen und Monate hingearbeitet haben. Besonders Jörg Schreiber vom 1. SKV Speyer, der mit seinen 70 Jahren als ältester Prüfling antrat, freut sich: „Den schwarzen Gürtel tragen zu dürfen, war ein großes Ziel, das ich unbedingt erreichen wollte. Dass ich das schaffen konnte, liegt nicht zuletzt an meinen tollen Trainerinnen Gitte Zapilko und Eva-Maria Zürker, aber auch an der Ruhe, die Mansouri und Hartl ausstrahlen. Das hat mir die Anspannung etwas genommen.“

2019 wird der 1. SKV Speyer Schahrzad Mansouri und Sigi Hartl erneut zu einem Lehrgang nach Speyer einladen. -Andreas Schmidt-Staub-