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Dorothee Wüst © Detlef Oertel

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst ließ vor lauter Freude über das gewonnene Finale der Fußball-WM 2014 die Glocken läuten

Der Speyer-Report im Gespräch mit der Präsidentin und Pfarrerin der Evangelischen Kirche der Pfalz

Wer am Haus Domplatz Nr. 5 vorbei geht oder dieses repräsentative Gebäude betrachtet und fotografiert erfährt zunächst nicht, dass in diesem Gemäuer die Zentrale der Evangelischen Kirche der Pfalz untergebracht ist und dass hier seit 1. März Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst residiert.

   Zwar steht über dem Eingang „Protestantisches Konsistorium“ und an der Hofeinfahrt „Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantisch Landeskirche)“, aber wer weiß, was Konsistorium auf Deutsch heißt, wohl die wenigsten Leute sind diesbezüglich Wissende. Kein Symbol des Christentums, des Protestantismus, beim Hinschauen: bayerische Rauten, bayerische Wappenschilde, bayerische Löwenköpfe. Selbst die Löwenköpfe weisen noch nicht einmal auf Martin Luther hin, der immer wieder wie ein Löwe für seine Sache gekämpft hat.

  Im Innern staunt man zunächst über den bayerisch-monarchischen Stil. Kein Wunder, das Haus wurde im Auftrag der königlich-bayerischen Staatsregierung errichtet. Früher gab nicht nur die Bibel die Marschrichtung in puncto Kirche vor sondern und vor allem auch der König von Bayern. Somit erklären sich die bayerischen Rauten, die bayerischen Wappenschilde und die Köpfe der bayerischen Löwen an der Fassade.

   Mittlerweile ist die 100 Tage-Frist für Dorothee Wüst nach ihrer Amtseinführung abgelaufen und der Speyer-Report stellte der Kirchenpräsidentin und Pfarrerin 14 Fragen.

 

   1. Frau Präsidentin, haben Sie schon immer ein hohes Führungsamt in Ihrer Kirche angestrebt, beispielsweise das Amt, das Sie nun inne haben? - Im Gegenteil. In gewisser Weise bin ich noch immer überrascht, wohin mich mein Weg geführt hat. Ich war die meiste Zeit meines beruflichen Lebens als Pfarrerin in Kirchengemeinden tätig, nach wie vor gehört das zu meiner beruflichen Identität. Mit den Jahren haben sich neue Chancen und Herausforderungen ergeben, die ich gerne ergriffen habe. Zum Einen, weil ich immer noch gerne dazu lerne und neue Horizonte kennenlerne, zum Anderen, weil andere mir das auch zugetraut haben.

   2. Die Finanzlage der beiden großen Kirchen ist inzwischen nicht unbedingt rosig, was ist in der Evangelischen Kirche der Pfalz zu tun, damit wieder mehr Geld in die Kassen fließt? - In der Tat spüren wir deutlich den Rückgang finanzieller und personeller Ressourcen, da lässt sich auch nicht einfach ein Hebel umlegen, um etwas zu ändern. Deshalb wird es auf der einen Seite notwendig sein, dass wir uns „nach der Decke strecken“. Oder anders gesagt: Natürlich müssen wir einen Sparkurs fahren und uns so aufstellen, dass das, was uns wichtig ist, noch immer stattfinden kann. Das ist in erster Linie die Nähe zu den Menschen vor Ort in den Gemeinden, aber auch Bereiche wie Religionsunterricht, Diakonie und Bildung müssen gesichert sein, weil sie zu uns als Kirche gehören. Aus gutem Grund suchen wir deshalb die Kooperation zum Beispiel mit unseren katholischen Geschwistern, um mehr als bisher gemeinsam zu machen. Dadurch stärken wir die Ökumene und hoffen gleichzeitig auf Einspareffekte. Gerade im Bereich der Immobilien sehe ich Chancen: Es muss nicht sein, dass in jedem Dorf ein katholisches sowie ein protestantisches Gemeindehaus und dann noch ein Dorfgemeinschaftshaus zur Verfügung stehen - mit einem guten Belegungsplan lassen sich solche Häuser gut gemeinsam nutzen. Auf der anderen Seite müssen wir stärker als bisher nach neuen Einnahmequellen suchen, weil die Kirchensteuer allein nun eben nicht mehr reicht. Viele Projekte finden jetzt schon statt mit zusätzlichem Geld aus Fördertöpfen oder aus Spendenaktionen. Wenn Menschen sich für eine gute Sache begeistern, geben sie auch gerne Geld dazu.

   3. Mittlerweile hat auch die Evangelische Kirche das Thema Sexueller Kindesmissbrauch mit sich herum zu schleppen, wie schaut es hierzu in der Evangelischen Kirche der Pfalz aus, sind Missbrauchsfälle bekannt geworden? - Das Thema ist in unserer Kirche schon seit langem im Bewusstsein, dafür haben die Frauenarbeit und die Gleichstellungsarbeit gesorgt. Seit 2010 haben wir es institutionell verankert, haben gezielt versucht, Aufklärung und Aufarbeitung zu betreiben. Weniger als zehn Fälle sind auf unserem Gebiet bekannt geworden, sie sind alle verjährt. Aber natürlich ist zu vermuten, dass es eine Dunkelziffer von Fällen gibt, die uns einfach nicht bekannt sind. Das wirft einen dunklen Schatten auf uns als Kirche, dem wir uns gerne stellen möchten. Aber dazu brauchen wir die Hilfe derer, die betroffen sind. Wir ermutigen Menschen, sich mit ihren Geschichten an uns zu wenden oder an die Unabhängige Kommission, die wir 2019 eingerichtet haben. Jeder Fall von Missbrauch ist einer zuviel, und wir wollen und werden alles tun, um in Gegenwart und Zukunft Fälle von sexualisierter Gewalt zu verhindern. Dazu haben wir ein ganzes Bündel von Maßnahmen entwickelt. Zum Beispiel verlangen wir von unseren Presbyterinnen und Presbytern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, was nicht überall auf Verständnis gestoßen ist. Aber alle Personen, die bei uns in Leitung sind - ob haupt- oder ehrenamtlich - zeigen damit ein Stück Verantwortung. Zudem entwickeln wir für alle Ebenen unserer Kirche Schutzkonzepte und sensibilisieren unsere Pfarrer und Pfarrerinnen bereits in der Ausbildung. Gemeinsam mit anderen Landeskirchen geben wir ein groß angelegtes wissenschaftliches Gutachten in Auftrag um herauszufinden, wo unser kirchliches System Schwachstellen hat, die sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt ermöglichen. Denn kurz und gut: Menschen vertrauen uns ihre Kinder an und müssen das gute Gefühl haben, dass sie bei uns in einem geschützten Raum sind. Dieses Vertrauen dürfen wir nie wieder verspielen.

   4. Welche Maßnahmen will oder muss die hiesige Landeskirche ergreifen, damit wieder mehr Leute, vor allem Jugendliche, junge Erwachsene, Mitglied werden? - Ich selbst bin als junger Mensch zur Kirche gestoßen, weil ich damals in der Evangelischen Jugend einen Ort gefunden habe, wo man mich ernst- und angenommen hat, wie ich bin, und einen Raum, den ich mit meinen Talenten füllen konnte. Das hat gut getan und trägt mich bis heute. Dass Kirche für junge Menschen uncool ist und sie dort nichts vermuten, was für ihr Leben etwas austrägt, ändert man nicht im Handstreich, sondern mit Angeboten, die junge Menschen auch wollen. Insofern ist unser Landesjugendpfarramt auf dem richtigen Weg. Dort werden Ideen entwickelt - nicht von Erwachsenen, sondern von Jugendlichen für Jugendliche. Ein weiterer wichtiger Bereich ist der Religionsunterricht: Tausende von Kindern und Jugendlichen erleben Tag für Tag in ihrer Schule einen Ort, an dem sie als Person wichtig sind mit ihren Sehnsüchten und Fragen. Hier als Kirche präsent zu sein, ist ein großes Privileg und ein wichtiges Pfund, mit dem wir wuchern können. Letztlich ist es so, wie es immer war: Für Kinder und Jugendliche braucht es einen langen Atem, viel Geduld und die Fähigkeit, unermüdlich zuhören zu können.

   5. Welche Frauengestalt in der Bibel beeindruckt Sie am meisten und warum? - Da fallen mir freilich verschiedene ein. Vielleicht diese beiden: Pua und Schifra, die kaum einer kennt, die aber offensichtlich wichtig genug waren, dass die Bibel ihre Namen überliefert. Pua und Schifra waren Hebammen in Ägypten zur Zeit, als die Israeliten in Knechtschaft waren. Der Pharao hatte ihnen befohlen, alle neugeborenen Jungen unverzüglich zu ertränken, was die beiden nicht übers Herz brachten. Durch eine List konnten sie das verhindern und sorgten so dafür, dass zum Beispiel Mose überlebte, der schließlich sein Volk in die Freiheit führte. In Pua und Schifra lerne ich zweierlei: Manchmal braucht es ein bisschen Listigkeit, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Und: Es sind nicht immer die großen Namen, die Geschichte schreiben, sondern oft auch die ganz einfachen Menschen, die ihrem Gewissen folgen.

 

In Speyer gebührend feiern

 

   6. Worms begeht in diesem Jahr das Jubiläum „500 Jahre Reichstag zu Worms“, 1521 wurde Martin Luther vorgeladen um vor Kaiser und Reich seine Standpunkte zu widerrufen. Im Jahr 1529 wird es wohl ein weiteres großes Jubiläum geben: „500 Jahre Speyerer Reichstag der Protestation“. Laufen dafür schon Vorbereitungen, gibt es schon Ideen? - Bis zum großen Jubiläum sind noch ein paar Jahre hin. Was heute feststeht: Natürlich werden wir dieses Jubiläum in Speyer gebührend feiern. Durch das Reformations- und das Unionsjubiläum haben wir ja schon reichlich Übung.

   7. Sie sind gebürtige Pirmasenserin, waren beruflich auch in Kaiserslautern zu Hause. Wenn der FK Pirmasens und der 1. FC Kaiserslautern gegeneinander antreten, welche Vereinsfahne oder welchen Vereinsschal schwenken Sie im Stadion? Sind Sie generell mehr FCK- oder FKP-Fan? - Gott sei Dank muss ich mich selten entscheiden. Dadurch dass ich ein paar Jahre lang eine Dauerkarte für den 1. FCK hatte, bin ich stolze Besitzern eines Fanschals und erinnere mich gerne an das Jahr 1998, als der 1. FCK aufgestiegen und in derselben Saison Deutscher Meister geworden ist. Das war Gänsehaut pur. Auch wenn ich nicht wirklich viel vom Fußball verstehe, begeistern mich die Atmosphäre und das Spiel. Und 2014 habe ich mich nach dem gewonnenen Finale der Fußball-WM hinreißen lassen, die Glocken in der Stiftskirche Kaiserslautern zu läuten. Ungewöhnlich, hat aber jeder verstanden.

   8. Die Pfalz ist das Paradies auf Erden heißt es oft, beziehungsweise wir Pfälzer behaupten das oder sind davon überzeugt. Frage an Sie, kann der Himmel mit seinem Paradies über den Wolken unsere Pfalz, dieses irdische Paradies, überhaupt toppen? - Es gibt Orte in der Pfalz, die wirklich paradiesisch sind. Als bekennende Westpfälzerin finde ich die nicht nur in den Weinbergen der Vorder- und Südpfalz, sondern eben auch auf den grünen Wiesen und schattigen Wäldern der Westpfalz. Bei der Kreuzkapelle in Winnweiler oder im Biergarten auf dem Remigiusberg mit berauschender Aussicht. Es gibt Wanderwege im Pfälzer Wald, in denen das Paradies zum Greifen nah scheint. Wie will Gott das noch toppen? Keine Ahnung. Aber ich habe so eine Ahnung, dass er das kann. Und wenn man die Schätze der Pfalz zu schätzen weiß, dann weckt das doch umso mehr die Vorfreude auf das Paradies, das Gott noch in petto hat.

 

Ersatzheimat wäre die Ostsee

 

   9. Mit wem würden Sie mal gerne essen gehen? - Natürlich liegt es nahe, dass ich gerne mal mit Martin Luther den Tisch teilen würde. Aber offen gestanden würde ich das noch viel lieber mit seiner Frau Katharina von Bora. Die hätte bestimmt viel über den großen Reformator zu erzählen, das in keinem Geschichtsbuch zu finden ist. Und hoffentlich auch über ihr Leben. Sie war ganz offensichtlich eine willensstarke und bodenständige Frau, die ihren Teil zur Reformation beigetragen hat.

   10. Wo würden Sie gerne leben wenn Sie aus der Pfalz wegziehen müssten? - Gerne leben möchte ich eigentlich nur in der Pfalz. Da bin ich echt heimatverbunden. Aber wenn es denn sein müsste, würde ich die Ostsee wählen.

   11 Welche sind Ihre Stärken? - Ich verfüge über viel positive Energie, lasse mich nicht leicht unterkriegen und verliere nicht so schnell den Mut. Ich kann gut zuhören, bin selbstkritisch und schätze es, wenn am Ende auch der Humor nicht zu kurz kommt.

   12. Welche sind Ihre Schwächen? - Um meine Geduld ist es manchmal nicht so gut bestellt, ich bin manchmal zu selbstkritisch und muss immer wieder lernen, auch mal etwas sein zu lassen, zu delegieren, Dinge auf mich zukommen zu lassen.

   13. Welches ist ihr Sternzeichen? - Ich bin Ende März geboren, also Widder.

   14. Ihr Lebensmotto? - In den letzten Jahren immer wieder dieses Wort aus der Bibel: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim. 1, 7)

   Mit Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst sprach Bernhard Bumb.

 

 

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