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Missbrauch im Bistum Speyer: Ehemaliger Obermessdiener im Gespräch mit dem Speyer-Report

von Bernhard Bumb

„Als ich das erste Mal im Radio in den Regionalnachrichten vom Missbrauch gehört habe, habe ich gleich gesagt ‚Das war der Herr Motzenbäcker‘“, waren die ersten Worte meines Gesprächspartners, der nicht namentlich genannt werden will. Er war 17 Jahre lang, seit 1964, im Heim in der Engelsgasse. Ich nenne ihn G. S.

  In der Beichte im Dom sei er von Motzenbäcker gefragt worden, ob er eine Freundin habe und was er mit ihr mache. Seither sei er „nicht mehr beichten gegangen“. Er sei zwar wie die anderen Heimkinder mit in den Dom aber ohne gebeichtet zu haben wieder zurück. Er habe die Schwestern im Glauben gelassen, dass er gebeichtet habe. Der ehemalige Obermessdiener am Speyerer Dom erinnerte sich, dass Jungs ab und zu „zum Motzenbäcker mussten“, weil „der was gewollt hat“, aber die Kinder „haben nie was gesagt“.

  Einige Schwestern hat G. S. in schlechter Erinnerung. Es habe im Heim zwei Schränke gegeben, einer für die Kleider der Mädchen, einer für die Kleider der Jungs. Jeden Morgen habe eine Schwester einen Stuhl in die Mitte gestellt, die Kleider, die im Schrank auf dem Boden lagen, habe sie über den Stuhl gehängt, und wem diese Kleider gehörten, der bekam dann „gleich den Bambusstock“.

...gerne ins Gesicht geschlagen

  „Ich habe Schläge mit Kleiderbügel und mit Kochlöffeln bekommen, einige Schwestern haben mit dem drauf geschlagen, was diese gerade in die Krallen bekommen haben“, so G. S. und er fügt an: „So was prägt“. Einmal sei er vor einer „schlagenden“ Schwester geflohen und unter einen Tisch gekrochen. „Die war so fett, dass sie da nicht mehr weiter kam“, lachte er. Eine Schwester habe gerne ins Gesicht geschlagen. Erst habe sie den Mund gespitzt und dann habe jedes Kind gewusst, was folgte.

  „Eine Frau, inzwischen verstorben, hatte als Heimkind bleibende Schäden mitgenommen, sie hatte viele Probleme mit Schwestern gehabt, aber wollte sich nicht alles bieten lassen“, sagte G. S. Noch ein Beispiel: Weil ein Mädchen das Mittagessen nicht wollte, musste es zur Strafe bis in den Abend auf seinem Stuhl am Tisch sitzen bleiben. „Das Essen im Heim war nicht der Hit“, so G. S. Freitags habe es Weckknödel und Pilze gegeben. Die Pilze habe er nie gemocht, er habe sie in eine Tüte getan und mit auf Klo genommen.

  Der Kaufhof habe den Schwestern Spielsachen für die Heimkinder geschenkt. Später sei festgestellt worden, dass diese Spielsachen „im Müll gelandet“ seien. Auch Spielsachen, die von Schaustellern dem Heim geschenkt wurden, seien auf diese Weise verschwunden. G. S.: Politiker seien ab und zu im Heim ein- und ausgegangen. Es sei ihm „schon irgendwie komisch“ vorgekommen, aber „als kleiner Junge macht man sich keine besonderen Gedanken“. Jedoch sei er nicht sexuell missbraucht worden.

  „Man darf aber nicht alle Priester und Schwestern über einen Kamm scheren. Der Prälat Schwartz, der war klor, der war absolut korrekt. Bei dessen Beerdigung war ich anwesend“. „Der Bischof Wetter war klor, einer der Besten von allen“, betonte G. S. Auch Dompfarrer Starck habe er positiv in Erinnerung. Wenn der gepredigt hat sei er so wortgewaltig und laut gewesen, da sei jeder wach geworden - „Der Starck war auch klor".

 

Hintergrundwissen

  Dr. Rudolf Motzenbäcker war von 1959 bis 1968 Generalvikar und von 1969 bis 1978 Offizial des Bistums Speyer. Ihm wurde der Titel Päpstlicher Ehrenprälat verliehen.

  Zitat: Ein heute 63-jähriger Betroffener … beschuldigte den früheren Generalvikar und Offizial des Bistums Prälat Dr. Rudolf Motzenbäcker, ihn zwischen 1963 und 1975 in einer Vielzahl von Handlungen schwer  missbraucht zu haben. Gestützt auf ein psychologisches und ein psychiatrisches Gutachten, hat das Sozialgericht Darmstadt den Betroffenen als glaubwürdig einschätzt. - Quelle: www.bistum-speyer.de / Zitat: Jahrelang war er misshandelt und sexuell missbraucht worden. - Quelle: Julian Staib/Frankfurter Allgemeine

  Ein Generalvikar folgt in der Hierarchie der Katholischen Kirche direkt dem Diözesanbischof, noch vor dem Weihbischof. Entsprechend sind seine Aufgaben und Befugnisse. Der Offizial ist in der Katholischen Kirche der Vorsteher eines Kirchengerichts.

 

 

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